Wer die Erinnerungen von Stefan Heym und Hans Habe gelesen hat oder mit den Biografien von Ernst Cramer und Saul Padover vertraut ist, weiß, worum es geht: um die Geschichte junger Deutscher, die auf der Flucht vor den Nazis in den USA eine neue Heimat fanden, Jahre später in amerikanischer Uniform zurückkehrten und einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der bundesdeutschen Demokratie leisteten. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass aus der Vielzahl amerikanischer Reformprojekte der frühen Jahre eines nicht zum Scheitern verurteilt war – die Neugestaltung des Zeitungs- und Rundfunkwesens, die sich im Rückblick immer mehr als "demokratische Initialzündung" erweist.

Christian Bauer und Rebekka Göpfert haben für einen Dokumentarfilm Dutzende dieser Männer in den USA aufgespürt und jetzt ihr Buch zum Film vorgelegt. Genauer gesagt – eine anrührende und einfühlsame Hommage an die "Ritchie Boys". So nennen sie sich noch immer, in Anspielung auf das Trainingslager in den Bergen Marylands, wo sie seit 1942 im Dienst der U. S. Army als Spezialisten für psychologische Kriegsführung ausgebildet wurden. Es sind Leben, wie sie wohl nur das 20. Jahrhundert diktieren konnte. Sie zeugen von Willkür und Ausgeliefertsein, von einer Verkettung oft abenteuerlicher und am Ende rettender Zufälle, vor allem aber von moralischer Größe. Was es bedeutet haben muss, im Land der Täter, die einst Nachbarn waren, Groll, Wut und Verzweiflung zu unterdrücken und trotz des Verlustes von Angehörigen und Freunden die Hand wieder auszustrecken, kann ein Außenstehender kaum ermessen. Darauf – und mithin auch auf das unverdiente Glück der Deutschen im Jahr 1945 – aufmerksam gemacht zu haben gehört zum bleibenden Verdienst dieses Buches.

Jenseits aller wissenswerten Episoden und Details lebt dieser Text also von etwas anderem: von der Dokumentation einer zivilisatorischen Haltung in Zeiten der Barbarei. Darauf machen nicht zuletzt jene Passagen aufmerksam, die von den Ritchie Boys als Verhörspezialisten handeln. Deutsche Kriegsgefangene zum Reden zu bringen und mitunter für die eigenen Truppen lebenswichtige Informationen zu sammeln gehörte zu ihren wichtigsten Aufgaben. Dass in solchen Situationen der Zweck die Mittel heiligt, ist hinreichend bekannt. Für die Ritchie Boys hingegen galt als "Erstes Gebot" der unbedingte Respekt vor der Genfer Konvention: nie einen Gefangenen zu bedrohen oder gar zu foltern. Sie begründeten ihren Ruf als "Geheimwaffe" der amerikanischen Armee mit anderen Mitteln. Im Lichte jüngster Ereignisse muten diese Passagen wie Berichte von einem anderen Stern an. Dass dem so ist, gibt dem Buch eine ungewollt aktuelle Pointe. Die Ritchie Boys werden auch dies mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.