Ruth Berghaus war ein schwieriger Mensch. Hager, zäh, wortkarg. Auf alle spannenden Fragen nach ihrer Lebensgeschichte antwortete sie: "Das ist privat." Über die Opernregisseurin aus der DDR hat Corinne Holtz eine Biografie geschrieben. Wen könnte das interessieren? Nur die Freunde der Oper? Gerade unter denen wird es viele geben, die sich über Ruth Berghaus so geärgert haben, dass sie das Buch deshalb nicht kaufen werden. Schade, denn die Autorin erzählt hoch spannend und kompetent eine sehr deutsche Lebensgeschichte, und die sollte man sich nicht entgehen lassen, auch dann, wenn man nicht vorhat, jemals ein Opernhaus zu betreten. Im Zentrum dieser Lebensgeschichte und des Buches steht die DDR, betrachtet entlang dieser Frau: Ruth Berghaus, 1927 in Dresden geboren, Vater Sozi, Stiefvater Nazi, Ehemann (nach 1945) Jude, der Komponist Paul Dessau, der dem Alter nach ihr Vater hätte sein können. Allein diese väterliche Männerriege ist bezeichnend für deutsche Verstrickungen und für Ruth Berghaus, die in ihrer Arbeit vorbildhaft wirken wollte und wirkte.

Wir erfahren, dass Ruth Berghaus ein emsiges BdM-Mädchen war und noch in letzter Minute NSDAP-Mitglied wurde, ihre Mitgliedskarte fehlt in der Stasi-Akte, 1960 wurde sie SED-Mitglied, und nach der Wende leistete sie sich einen silberfarbenen Mercedes.

Die Autorin Corinne Holtz, das ist wichtig zu sagen, lässt ihre Ruth Berghaus keine Minute im Stich, sie bleibt an ihrer Seite und hat dennoch an dieser deutschen Geschichte nichts beschönigt. Das Buch ist sorgsam recherchiert, die Autorin benennt alles genau und aufschlussreich, wer Kommunist war, wer Nazi, wer Jude, sie schreibt es einfach hin, und es ist immer wichtig zu erfahren. Die Vielschichtigkeit eines Lebens, die Ambivalenz, die Idealvorstellungen und die Verstrickungen der Ruth Berghaus werden in der biografisch-historischen Arbeit zu einem spannenden und wahrhaft erhellenden Geschichtswerk.

Ruth Berghaus war im Kulturapparat der DDR von großer Bedeutung. Sie hat die Opernregie in Ost und West durch ihren analysierenden Blick revolutioniert und die Inhalte im besten Sinne bloßgestellt. Dafür ist sie geliebt worden, aber noch mehr gehasst, und natürlich wurde sie jahrelang von ihrer engsten und wichtigsten Mitarbeiterin bespitzelt und gleichzeitig von oben als vorbildliche Kommunistin gewürdigt. Ihre Regiearbeit galt vor allem den Komponisten Richard Wagner und Richard Strauss, beide Männer verbunden mit Dresden wie sie, beide Komponisten verbunden mit deutscher Herrlichkeit und deutschem Antisemitismus. Herrschaftszusammenhänge interessierten sie. Ruth Berghaus war selbst eine Herrscherin, kontrollierend, festlegend, aber stark erschütterbar durch unerwünschte Abweichungen. Menschenmassen auf der Bühne zu bewegen, darin war sie Meisterin, sie behielt jeden Statisten im Auge.

Corinne Holtz hat eine gute, eine schnelle Sprache, mit der sie diese deutsche Geschichte erzählt, vom Theater, von Parteiintrigen und vom Ringen der Ruth Berghaus um künstlerische Selbstbehauptung, zäh, nervenstark und verschlossen. Sie kam vom Tanz, sie war Tänzerin, Ausdruckstänzerin, es ging ihr um Präzision, Disziplin, Genauigkeit im Ausdruck von Mimik und Gestik. So arbeitete sie mit Sängerinnen und Sängern. So war sie selbst. Sparsam, kühl. Doch nicht nur. Revolutionäre liebte sie, junge Männer, bis zuletzt fand sich in ihr etwas von dem deutschen Mädel von einst. Ruth Berghaus war eine mit Privilegien überhäufte Funktionärin, am autoritären Sozialismus hielt sie fest und war dennoch als Künstlerin für den sozialistischen Kleinbürgerstaat eine Zumutung. Sie starb 1996. Auch ihre Beerdigung hatte sie inszeniert. Keine Musik, keine Reden. So empfindlich war sie. Pathetische Peinlichkeiten hätten ihr noch im Grab Magenschmerzen verursacht.

Corinne Holtz hat ein inhaltsreiches Geschichtsbuch geschrieben. Man lernt viel beim Lesen über das Land, das es nicht mehr gibt. In seinen Bürgerinnen und Bürgern aber lebt es doch weiter.