"Daß ich es kurz sage: es ist Familienunglück, die Brüder sinds!", entschuldigte er in einem Brief sein langes Schweigen. Immer wieder musste er ihnen aus der Patsche helfen. Dabei hatte der Siebte von dreizehn die Kindheit im Kreis seiner Geschwisterschar als so idyllisch geschildert. Nun lagen sie ihm auf der kargen Tasche; der Älteste landete schließlich in Festungshaft, der Jüngste musste wegen diverser Betrügereien das Land verlassen. Er selbst harrte verzweifelt über "diese Art von Lebensweise und Beschäftigung" im ungeliebten Amt aus. Verantwortungsgefühl oder Hilflosigkeit? Den Anforderungen des Berufs entzog er sich durch Krankheit: 17 Beurlaubungen und Kuraufenthalte wurden ihm gewährt, trotz seiner laxen Amtsführung. Statt seinen Pflichten nachzukommen, ging er lieber mit seinem zahmen Star spazieren, sammelte Blumensamen und Versteinerungen. Seinen Arbeitsplatz parfümierte er mit Rosenessenz. Es half alles nichts: Mit 39 Jahren bat er schließlich um die Pensionierung. Danach verdiente er sich ein Zubrot durch Lehrtätigkeit und gelegentliche Veröffentlichungen. Seine Meisterwerke aber hatte er fast alle schon als Student geschrieben, mit 19, 21 Jahren. Sie sind keine Erzeugnisse künstlerischer Reife, sondern jäh empfangener Eingebungen, in einem "alles entscheidenden Augenblick, wo gleichsam ein rascher Blitz des innersten Bewusstseins uns das, was wir besitzen und sind, in seiner ganzen Gestalt sehen lässt". Diese passive Sensibilität war sein künstlerisches Credo und ließ ihn in einer Zeit idealistischer Tatmenschen als unzeitgemäßen Träumer erscheinen. Dabei war er ein scharfsichtiger Beobachter der "immer von Sehnsucht, Hoffnung, Schmerz und Groll umhergetriebenen Menschen". Sein kritischer Blick äußerte sich versteckt in verstörenden Wortfindungen oder maskiert in manchmal recht drastischer Satire. Seine Aufmerksamkeit galt dem Kleinen, Privaten mit seinen Brüchen und Abgründen. Er glaubte an die verändernde Macht der Kunst, aber sein Ton war der einer Flöte, nicht einer Posaune.

Passivität war auch die Ursache seiner Lebensuntüchtigkeit: Schon der kadettenhaften Ausbildung hatte er sich durch kleine Fluchten entzogen. Seinen Protest lebte er in Saufabenden aus "mit hinunterhängenden Hosen, den Bauch aus dem Hemd steckend", "Lumpenlieder" singend. Seine Lehrer beklagten seine "Nachlässigkeit", wegen Faulheit wurden ihm zehn Stunden Arrest aufgebrummt. Bereits in Amt und Würden, äußerte er seinen Unmut, indem er an Kirchenmauern pinkelte, "laut Lieder singend, auf eine infame, bäurisch trillernde, wasserorgelnde Weise". Eine unglückliche Liebe warf ihn aufs Krankenlager, und als er sich endlich verlobte, konnte er die Geliebte nicht heiraten, weil er nicht genug verdiente.

Nach Jahren löste sie schließlich die Verbindung. Schon lange lebte er mit seiner jüngsten Schwester zusammen, erst mit 47 Jahren heiratete er und wurde Vater von zwei Töchtern. Die Ehe verlief unglücklich, die Schwester konkurrierte mit der Ehefrau. Wieder flüchtete er in Krankheit. Der Zank der Frauen über seine Pflege vergiftete sein Leben. In seinen letzten beiden Jahrzehnten brachte er außer Gelegenheitsreimen nichts mehr hervor. Dafür wurde er mit Ehrungen überhäuft: Ehrendoktor, Professor, Ritterkreuz erster Klasse und andere Auszeichnungen. Seine Ehe war längst zerbrochen.

Der Sohn einer befreundeten Künstlerin berichtete, dass eines Morgens kräftiger Rosenduft ihr Haus erfüllte und sie mit Bestimmtheit sagte: "Jetzt ist er gestorben." Zur selben Zeit hatte sein Leiden ein Ende.

Wer war’s?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 22: