Als unser Bundeskanzler das Misstrauensvotum der CDU glücklich überstand, war ich sieben Jahre alt und sah meinen Vater von der Leiter fallen. Mein Vater renovierte gerade das Zimmer unter dem Dach unseres Hauses in Bochum und verstrich weiße Farbe auf Raufasertapeten, als im Bundestag der Angriff auf Willy Brandt scheiterte, das war im April 1972. An das Datum erinnere ich mich nicht, nur an die Szene im Dachzimmer, schließlich hatte ich meinem Vater schon stundenlang beim Tapezieren und Streichen zugesehen. Die erlösende Meldung kam aus unserem lindgrünen Grundig-Radio, das die ganze Zeit dudelnd neben den Farbeimern stand, und mein Vater war über die Nachricht aus Bonn so überrascht und erleichtert zugleich, dass er den Halt verlor. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, umarmte er das Radio.

"Das stimmt nicht", sagt mein Vater, als ich ihm die alte Geschichte erzähle, "so war das nicht." Er sei nicht von der Leiter gefallen und habe auch nicht das Radio umarmt, wohl habe er das Dachzimmer gestrichen, wohl habe er Brandt ziemlich gut gefunden, wenngleich nicht so gut wie Adenauer. Einen Fernsehapparat habe er mal umarmt, aber später, 1974, als die Deutschen Fußballweltmeister wurden, das sei alles gewesen.

Es ist Montagfrüh, als ich meinen Vater irritiert ansehe, es ist der Montag nach der folgenschweren Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Wir haben gerade gefrühstückt, am Abend zuvor hatte ich auf einem Flur im Düsseldorfer Landtag gestanden und Christdemokraten über das Ende von Rot-Grün lachen hören.

Gut möglich, dass ich mich irre. Wahrscheinlich hat mein Vater Recht. Gut möglich, dass ich mich an diese Szene mit Brandt und der Leiter falsch erinnere, weil ich nicht loslassen kann von der Idee, dass ein SPD-Kanzler aus einer zermürbenden Schlacht heil hervorgeht und dieses befreiende Gefühl in ein ganzes Land hinausstrahlt, hoch bis in die Dachzimmer. Es muss damit zu tun haben, dass ich tief enttäuscht bin von Rot-Grün, so wie man enttäuscht ist, wenn man in der Schläfrigkeit eines frühen Morgens sofort begreifen muss, dass man nicht mehr auf einer sanft geschwungenen Wolke über Berggipfel und Birkenwälder hinwegtreibt, sondern schon in einer Stunde einen Termin beim Zahnarzt hat.

Wenn ich darlegen soll, warum ich Rot-Grün vermissen werde, muss ich mit dem Herbst 1998 beginnen. Ich sah Schröder, ich sah Fischer, ich sah Schily, und es fiel mir schwer, meine ersten Gedanken in eine klare Reihenfolge zu bringen. Vielleicht waren da zuerst überhaupt keine Gedanken. Mit meinen Gefühlen war es damals viel einfacher. Meinen alles beherrschenden Impuls kann man in einem einzigen Satz zusammenfassen. "Jetzt wird alles gut."

Ich sah Stollmann, der auf mich gebildet wirkte und erfrischend jung. Ich sah Fischer, der sich mal in Turnschuhen hatte vereidigen lassen. Ich sah Schily, der früher RAF-Terroristen verteidigt hatte. Ich sah lauter gebrochene Biografien. Lauter Menschen, deren Leben nicht gradlinig verlaufen waren und die in der zweiten Hälfte ihrer Leben große Politik machen wollten, ohne ihre Erfahrungen aus der ersten Hälfte völlig abzuschütteln. Ich sah diesen zupackenden Schröder, der "Acker" gerufen wurde, als er ganz früher noch Fußball spielte. Ich konnte ihm, sobald ich an "Acker" dachte, später sogar die Show mit dem Brioni-Anzug verzeihen.

20 oder 30 Jahre älter als ich waren die Menschen in Schröders Kabinett, sie regierten weit weg, nichts hatte ich mit ihnen zu tun, ich kannte sie ja nur vom Fernsehschirm, trotzdem fühlte ich mich ihnen nahe. Schröder, Fischer, Schily. Vor dieser Kulisse wurde mir später sogar der biedere Hans Eichel verblüffend schnell sympathisch. Hätte Kohl diesen Hans Eichel ins Kabinett geholt, hätte ich wahrscheinlich gedacht: Wie öde. Nun aber war das Provinzielle nur noch eines von vielen Bühnenbildern in einem weltoffenen Theater. Endlich. Wir sind Kanzler.

Mit zehn habe ich die SPD verachtet: Überall hatten sie ihre Leute