Fesch schaun S’ aus, Herr Hofrat." Der Gast im Wiener Kaffeehaus wundert sich: "Ich bin doch gar kein Hofrat." – "Macht nix, wird scho’ werdn", entgegnet der Ober. Falsch sind die Leute überall auf der Welt, doch nirgends sind sie es auf so angenehme Art wie in Österreich. Damit das so bleibt, will das Reiseland den Charme seiner Bewohner, den berüchtigten Schmäh, unter Denkmalschutz stellen lassen.

Das ist so abwegig nicht. Die Unesco sucht nämlich gerade weltweit nach Kulturschätzen der schwer zu fassenden Art. Nicht den Kölner Dom oder das mittelalterliche Weichbild von Quedlinburg will die Kulturorganisation der UN diesmal für die Nachwelt bewahren, sondern die Naturheilkunde der Kallawaya im bolivianischen Regenwald oder den Karneval im belgischen Binche. Und was es sonst noch gibt an Bräuchen, Erzähltraditionen, Handwerk, Musik, Theater und ethnischem Wissen. 47 Pretiosen des "immateriellen Weltkulturerbes" sind schon beisammen. Über die nächsten Einträge in die Unesco-Liste soll eine unabhängige Jury im November entscheiden. Und schaun S’, Exzellenz, da hätt’ doch auch der austrische Schmäh seinen Platz.

Neben den 788 materiellen Kulturerbstücken kann das vor vier Jahren begonnene Schwesterprojekt noch nicht viel vorweisen. 13 Länder, von Algerien bis zu den Seychellen, haben die zugehörige Konvention bisher unterschrieben. Doch damit sie international bindend wird, braucht es 30. Zumal die Industriestaaten halten sich bislang bedeckt. "Deutschland hat noch nicht gezeichnet, weil das Justizministerium vor neuen Rechtsansprüchen warnte, die etwa beim Sprachenschutz entstünden", erklärt Dieter Offenhäusser von der Deutschen Unesco-Kommission (DUK) in Bonn. "Kurden und Türken könnten beispielsweise das Abfassen von Gesetzestexten in ihrer Muttersprache fordern. Das würde nicht nur sehr aufwändig, sondern führte womöglich auch zu Konflikten." Doch die Deutschen wollten keineswegs bremsen, sie seien lediglich "zurückhaltend".

Trotz solcher Bedenken wird erwartet, dass die fehlenden 17 Unterschriften bis 2007 vorliegen. Vor allem in Afrika und Asien wächst das Interesse an der intangible culture, der Kultur, die sich nicht anfassen lässt. China etwa klagt schon darüber, dass es wie die kleineren Mitgliedsländer nur alle zwei Jahre einen neuen Vorschlag einreichen darf. "China ist ein Land mit sehr reichem immateriellen Kulturerbe", sagt Vize-Kulturminister Zhou Heping. Für die diesjährige Antragsrunde gab sein Land der Mukamu-Oper aus der autonomen Region Xinjiang Uigur nur schweren Herzens Vorrang vor der Kung-Fu-Kunst der Shaolin.

Beim materiellen Kulturerbe ist China nicht stärker vertreten als zum Beispiel Deutschland. Die abendländische Kultur manifestiert sich nun einmal vor allem in Architektur und bildender Kunst, in städtischen Weichbildern, Gemälden, Skulpturen. In Asien dagegen bedeutet Kultur in erster Linie Darstellung in Theater und Musik. In Afrika wiederum äußert sie sich eher oral: in Geschichten und Gesängen. Dieter Offenhäusser von der DUK erklärt diesen Unterschied unter anderem so: "In Birma waren die Königspaläste aus Holz. Brannten sie ab, waren sie schlicht verloren. So etwas hat Einfluss auf die Strukturen, über die sich Kultur auf lange Sicht definiert."

Dabei sind gerade die körperlosen Kulturgüter vom Verfall bedroht. Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes, einer der Juroren, erläutert das anhand der Sprache. "Alle Märchen der Welt und alle Lieder haben einen mündlich überlieferten, nicht greifbaren Ursprung. Nur wenige gerinnen zur Permanenz des geschriebenen Wortes. Die meisten leben im Gedächtnis und verschwinden mit dem Tod." Von den mehr als 6000 weltweit gesprochenen Sprachen sind 3000 vom Untergang bedroht, kaum eine verfügt über Alphabet oder literarische Schriftkultur. Ihre Mythen und Sagen werden mündlich überliefert – wie etwa von den Märchenerzählern auf dem Marktplatz Djemaa al-Fna in Marrakesch. Wo der Analphabet Scharqawi sein "Vogelgespräch" Wort für Wort noch so vorträgt, wie er es von seinem blinden Meister lernte. Und wo Scharqawis Kollege Tabib al-Hascharat in seinen Erzählungen die Nachrichtensprache des Rundfunks persifliert. Der so eröffnete Dialog zwischen mündlicher Überlieferung und veränderter Lebenssituation hält Tabibs Kunst lebendig.

Gerade das ist das Anliegen der Unesco. "Es geht nicht darum, kulturelle Praktiken als Traditionen einzufrieren, sondern sie so zu erhalten, dass sie sich weiterentwickeln können", erklärt Anne Meyer-Rath, die am Hamburger Institut für Sozialforschung über den immateriellen Kulturschutz promoviert. "Nicht Touristenneugier soll geweckt werden, sondern Anerkennung für jene, die immaterielle Kultur am Leben erhalten." Die "Folklorisierung" von Attraktionen wie dem Kulturraum des Djemaa al-Fna lässt sich, so das Unesco-Argument, nur dann verhindern, wenn die Erzähler ihre Kunst mit neu erwachtem Selbstbewusstsein pflegen, statt sie notgedrungen als Mummenschanz zu verhökern.