Berlin.
Eindeutig, der Blick von innen nach außen ist der schönste. Erst recht im Abenddämmerlicht. Dass man im wuchtigen Kanzleramt ist, merkt man aus dieser Perspektive kaum, so hell wirkt alles, offen, transparent, die kräftigen Farben von Helmut Middendorfs Nashorn-grün, das Farbenchaos von Georg Baselitz’ Bildsieben, einfach hinreißend, der Reichstag und Berlin liegen zu Füßen. Regieren muss Spaß machen.

Wie Gerhard Schröder derzeit die Welt sehen mag? Es gab Tage, erinnert man sich unvermittelt an den ersten sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt, an denen er ganz entrückt schien. Die Leute haben um ihn unwillkürlich einen Bogen gemacht, oder er nahm seine Melancholie. So einer ist Schröder nicht – und trotzdem kommt es einem in den Sinn. Fünf Monate wird er keinen Wein trinken. Noch ist er der Bundeskanzler. Aber zur Zeit führen die Verhältnisse Regie. Es wird sozusagen von außen nach innen regiert.

Gefallen hat ihm, was er heute früh von Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung las über Europa. An Europa werde er ihn einmal messen, hatte Habermas dem Kandidaten Schröder 1998 öffentlich mit auf den Weg gegeben. Zur Wiedervorlage sozusagen. Und jetzt schrieb er: Mit Europa könne man keine Wahlen gewinnen. Den "Wahlkampf" könnten Schröder und Fischer aber dazu benutzen, "um eine hoffnungsvollere Alternative zum lähmenden Szenario des Weitertrottens und Abgleitens manifest zu machen". So könnten sie ein Signal setzen – "und ihr Abgang gewänne Kontur."

Abgang? Das Wort fand Schröder falsch, aber erregt hat er sich darüber auch wieder nicht, es sitzt überhaupt der unerregteste Schröder aller Zeiten vis-à-vis. Wie war das noch Anfang des Jahres? Die Koalition befand sich im Tsunami-Hoch. Dann kam, wie er es nennt, der "doppelte Schlag", die Wahlen in Schleswig-Holstein und die Zahl von fünf Millionen Arbeitslosen. Wie hat Habermas geschrieben? "Nichts Wesentliches ändert sich in der Geschichte ohne symbolische Akte, ohne Zeichen." Am selben Tag, als Schröder seine "Agenda-plus-Rede" im Parlament hielt, am 17. März, platzte die Nachricht herein, dass einer aus dem Dunkeln in Kiel gezielt auf Heide Simonis gefeuert hatte. "Das war’s." In der eigenen Fraktion wurde es schwieriger, fand er, und die Wahl in Düsseldorf stand noch bevor. Für ihn tauchte also die Frage auf, ob man unter einer solchen Konstellation auch dann noch weitermachen könne, wenn es zum Machtwechsel in Nordrhein-Westfalen käme.

Dass er sich jedenfalls "guten Gewissens" auf Artikel 68 berufen könne, da war er sich ganz sicher. "Stetiges Vertrauen" haben die Karlsruher Richter im Streit um Helmut Kohls Vertrauensfrage 1983 schließlich zum Kriterium gemacht. Hat er dann am Sonntag gemeinsam mit Franz Müntefering endgültig entschieden? Nein, er habe das "alleine gemacht", erwidert Schröder.

"Mitgetragen" habe sein Nachfolger im Amt des Parteivorsitzenden diesen Entschluss. Und wer sonst hat ihm zu- oder abgeraten? Wenn man es aus dem vielen Geraune in Berlin richtig heraushört, muss das ein verflixt einsames "alleine" gewesen sein. Der Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier, sicher der loyalste von allen Loyalen und umsichtig sondergleichen, hat sich – so viel zumindest ist publik geworden – schlecht vorstellen können, dass eine Vertrauensfrage angekündigt, aber erst Wochen danach gestellt wird. Sah er einen anderen Ausweg? Antwort siehe oben, er ist der Loyalste von allen…

Rot-Grün, sagt Schröder, habe nicht wirklich zu den Problemen gepasst

Ein auffallend eigener Tonfall ist das heute, den man bei Schröder heraushört. Sagen wir: moderato cantabile. Er überlegt. Alles Übrige außer seinem vorgeschlagenen Weg hätte ihn am 22. Mai "nicht aus der totalen Bredouille gebracht". Ein Rücktritt – "warum?" Der Vorwurf in seiner Partei ist jetzt schon, er habe zu sehr an sich gedacht. Es sei, sagt er, eine "Vorwärtsstrategie". Und sie "ist richtig". Helmut Schmidts Lage 1982 lässt sich aus Schröders Sicht mit seiner nicht vergleichen. Die FDP hatte die Koalition verlassen. Die Grünen, wägt er ab, hätten das nie gesagt wie damals die Liberalen. Der Rücktritt wäre also ein "schwerer Vorwurf an seine eigene Partei" gewesen. Bloß, sagt Schröder das nicht durch die Blume auch, wenn er, wie der Spiegel es wiedergab, gegenüber dem Bundespräsidenten von einem "erhöhten Erpressungspotenzial" in der Fraktion und in der Koalition gesprochen hat, und diese Worte sind ja wohl gefallen?