Es war und ist für das Unternehmen peinlich – und für die Mitarbeiter bitter. Der Münchner Weltkonzern Siemens zieht sich aus der prestigeträchtigen Handy-Produktion zurück und dokumentiert damit auf eindrucksvolle Weise, dass er dieses Geschäft nicht beherrscht. Besser machen will es BenQ, ein Hersteller aus Taiwan, der die Mobilfunksparte von Siemens zum Nulltarif übernimmt. Die Münchner zahlen sogar noch 250 Millionen Euro drauf: Weg mit Schaden, heißt also das Motto dieser Transaktion. BILD

Einer weit verbreiteten Überzeugung zufolge, wurde die heimische Wirtschaft bislang vor allem vom Anspruchsdenken der Arbeitnehmer oder von betonköpfigen Gewerkschaftern beschädigt. Dass aber hoch dotierte Top-Manager große Fehler machen, die selbst von den flexibelsten Mitarbeitern nicht mehr aufgefangen werden können, ging in der Debatte meist unter. Siemens ist ein prominentes Beispiele dafür.

Ausländische – und meist anonyme – Investoren, die Unternehmen zerlegen oder sogar ausbluten lassen, eignen sich besser für eine Kapitalismus-Schelte als die Vorstände großer deutscher Unternehmen, mit denen die Regierung gute Kontakte pflegt. Ex-Siemens-Chef Heinrich v. Pierer, der inzwischen im Aufsichtsrat sitzt, wird großer Einfluss auf die Politik nachgesagt. Viele Jahre galt er als Manager mit Sinn fürs Große und Ganze in der Gesellschaft, wehrte sich gegen allzu dreiste Forderungen aus den Reihen der Kapitalanleger. Schließlich aber begann auch er, seinen Konzern auf wachsende Renditen zu trimmen – quer durch alle Sparten. Das Prinzip, dass die starken die momentan schwächelnden Bereiche mit durchziehen, wurde aufgegeben. Das sorgte extern für Anerkennung, intern für immensen Druck, der nicht immer nur heilsam wirkt. Oft trübt er auch die Weitsicht.

Kurzfristig hilft so gut wie immer ein fantasieloses Konzept: Personalkosten runter. Das lässt zwar den Kurs und die Laune der Aktionäre oft ebenso steigen wie die Einkommen der Entscheider auf den Chefetagen. Langfristig aber sind Gewinne eben nicht nur das Ergebnis aus sinkenden Beschäftigtenzahlen, schrumpfenden Löhnen oder längeren Arbeitszeiten. Das erfolglose Geschäft mit den Siemens-Handys zeigt das auf eindrucksvolle Weise.

Der Konzern schaffte es nicht, sich auf dem wachsenden Markt zu behaupten. Zwar wurden im ersten Quartal dieses Jahres weltweit mehr Handys verkauft als je zuvor. Doch der Marktanteil von Siemens (siehe Grafik) ist gesunken – inzwischen unter den niedrigen Stand von 1999. Und das, obwohl die Mitarbeiter große Opfer brachten.

Eine Kapitalismus-Debatte gab es noch nicht. Arbeitnehmer und ihre Vertreter im Betriebsrat und in der Gewerkschaft standen auf verlorenem Posten. Ausgerechnet der Siemens-Konzern, der hierzulande jahrzehntelang seinen Mitarbeitern das Gefühl von Sicherheit gegeben hatte, eröffnete im Sommer vergangenen Jahres den Reigen: Er drohte offen damit, mit der Handy-Produktion ins benachbarte Ungarn abzuwandern; wegen der dort niedrigeren Löhne und Steuern.

Zwischen Angst, Wut und Trauer schwankte seinerzeit die Stimmung der Mitarbeiter. Sie fühlten sich erpresst und machten große Zugeständnisse. Seither arbeiten sie länger, in manchen Fällen sogar für weniger Geld. Gebracht hat das alles nichts. Jetzt müssen die Handy-Werker wieder um ihre Arbeitsplätze bangen. Weil Siemens mit der Sparte nach wie vor Verluste einfährt, steht zu vermuten, das die Arbeit noch immer zu teuer ist. Oder?

Ein Irrtum. Der Grund für die Miesen sind nicht die zu hohen Kosten in der Produktion. Ganz im Gegenteil: Gemeinsam mit einer Unternehmensberatung fand die Wirtschaftswoche heraus, dass Siemens bei den Herstellungskosten im Vergleich mit seinen Konkurrenten sehr gut dasteht. Doch das nützt den Mitarbeitern wenig. Denn Siemens wird seine Geräte trotzdem nicht los; jedenfalls nicht zu jenen Preisen, die andere Hersteller verlangen können, wenn sie mit den Mobilfunkbetreibern verhandeln. Das Erfolgsrezept: Man muss Trends setzen – oder sie wenigstens erkennen. Und das rechtzeitig.