"Ich war immer die Erste, die bei Solidaritätskonzerten gelacht und bei Demonstrationen nicht mitgehen wollte – doch jetzt verspreche ich, bei solchen Kundgebungen stets dabei zu sein." Florence Aubenas hatte nach 157 Tagen Geiselhaft im Irak gestern Nachmittag gerade das Rollfeld des Militärflughafen Villacoublay bei Paris betreten, da erklärte sie sofort, wem sie am meisten dankt – den Medien und Bürgern Frankreichs: "Wenn man gefesselt in einem Keller am Boden kauert und im Fernsehen seinen Namen sieht, dann fasst man plötzlich ganz neue Hoffnung."

Fünf Monate lang hatten die Franzosen alles getan, um an das Schicksal der entführten Libération -Reporterin und ihres Begleiters Hussein Hanoun zu erinnern. Es hatte Dutzende von Konzerten, Versammlungen und Appellen gegeben, vor jedem größeren Rathaus im Land hingen die Großfotos der Geiseln, und alle Fernsehsender blendeten regelmäßig ihre Namen ein. Noch vor allen Bemühungen der französischen Diplomatie und Geheimdienste war es diese öffentliche Mobilisierung, die für die Geiseln wie ein Art Lebensversicherung gewirkt hatte.

Auch Staatspräsident Chirac, der Florence Aubenas als erster auf dem Flughafen mit zwei Wangenküssen empfing, lobte die "außergewöhnliche Mobilisierung und Solidarität der Franzosen". Wie schon zuvor bei der Freilassung der beiden Journalisten Christain Chesnot und George Malbrunot, die Ende letzten Jahres nach drei Monaten Entführung im Irak nach Frankreich zurückgekehrt waren, hatte sich die französische Methode bewährt: Mit unablässigen Aktionen auf die Verschollenen aufmerksam zu machen, damit auch die Entführer merken, welchen Wert ihre Geiseln haben.

Noch bevor überall in Frankreich gestern Abend die Großtransparente von öffentlichen Gebäuden abgehängt wurden und es bei der größten Versammlung auf dem Pariser Platz der Republik ein spontanes Volksfest gab, kursieren die Vermutungen, in welcher Höhe die Regierung ein Lösegeld gezahlt hat. Denn weil in der Regel die öffentliche Aufmerksamkeit die Geiselnehmer auch motiviert, den Preis für die Freilassung ihrer Gefangenen zu erhöhen, kursieren Gerüchte über eine angebliche Zahlung von 15 Millionen Euro. Doch Regierungssprecher Jean-François Copé wie auch der kürzlich aus dem Amt geschiedene Außenminister Michel Barnier stritten jede Zahlung an die wahrscheinlich federführende "Islamische Armee im Irak" rigoros ab. Gleichwohl gilt als wahrscheinlich, dass, wenn nicht die Entführer selber, so doch Mittelsmänner mehrere Millionen Euro als so genannte Entschädigung verlangt haben.

Doch ob mit oder ohne Lösegeld – der Erfolg des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE, dessen Leiter Pierre Brochand gemeinsam mit Florence Aubenas in Paris aus dem Flugzeug stieg, wird überall gefeiert. Der französische Zentralrat der Muslime, die Organisation "Reporter ohne Grenzen", sämtliche Parteien und vor allem alle Redaktionen von Zeitungen und Sendern überschlugen sich gestern mit Dankesadressen an ihre Regierung, die in den vergangenen Wochen unter rigorosem Stillschweigen die Verhandlungen mit den Entführern in Bagdad vorangetrieben hatte.

Während Florcene Aubenas ihrer erste Nacht in der Heimat im Familienkreis außerhalb von Paris verbracht hat, rief die Zeitung Libération auf, bei aller Freude nicht diejenigen Geiseln zu vergessen, die weiterhin im Irak und anderswo inhaftiert sind. Allein aus Frankreich stammen drei weitere Opfer: Fred Nérac, Guy-André Kieffer und Ingrid Betancourt, die oft schon seit mehreren Jahren verschollen sind. An sie will auch Florence Aubenas erinnern, wenn sie morgen auf einer Pressekonferenz zu ihren internationalen Kollegen spricht.