Wir erinnern uns noch gut daran, als der amerikanische Milliardär Alberto Vilar vor vier Jahren ganzseitig aus allen Programmheften der Salzburger Festspiele lächelte. Auf einem goldverschnörkelten Stuhl saß er - ein glorioser Spenderfürst auf seinem Thron. Vilar, der ein Vermögen im Aktiengeschäft gemacht hatte, flog damals um den Erdball, beschenkte die Opernhäuser von New York bis St. Petersburg mit seinen Dollarmillionen und ließ sich als ungekrönter König der Mäzene feiern. Jetzt sitzt er in New York im Gefängnis. Er soll Gelder seiner Investmentkunden veruntreut haben, auch um säumige Spendenzusagen erfüllen zu können. Vilar ist in den vergangenen Jahren in immer größere Zahlungsschwierigkeiten geraten und kann nun noch nicht einmal die Kaution (fünf Millionen Dollar) für seine Freilassung aus der Untersuchungshaft aufbringen. Von dem roten Teppich der Founders-Lounge auf die harte U-Haft-Pritsche - das ist ein wahrhaft grandioser Abstieg, wie ihn Tom Wolfe in seinem Roman Im Fegefeuer der Eitelkeiten nicht schwindelerregender hätte beschreiben können.

Hinter dem Vilar-Fall verbergen sich zwei Geschichten. Die eine handelt vom kühlen Gewinnmaximierer, der sich plötzlich an das Schöne verschwendet. Er verfällt dem verführerischen Schein der Oper, der Künstlerwelt, den Gesangsstimmen. Und die Oper als luxusverwöhnte, divenhafte Geliebte nimmt ihn bis in den Ruin hinein aus. Sie steckt alle Geschenke ungerührt in ihr silbernes Handtäschchen und stellt dem Verehrer die Koffer vor die Tür, sobald er ihr nichts mehr bieten kann. An der New Yorker Met hat man das Messingschild mit Vilars Namen im ersten Rang längst abgeschraubt.

Die andere Geschichte handelt vom Parvenü, der die Oper mit viel Geld und zweifelhaften Manieren an seine Seite zwingt, auf dass der Glanz der Grande Dame auch auf ihn falle. In Mäzenatenkreisen genoss Vilar von jeher keinen besonders guten Ruf, zu wenig verstand er von der hohen Kunst des Understatements. Er finanzierte Schnickschnack wie computergesteuerte, in die Parkettsitze montierte Untertitelungsanlagen und konnte seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht groß genug gedruckt sehen, wenn er zur Brieftasche griff. Vor allem aber machte Vilar bei der Kunst selbst seine Geschmacksvorlieben geltend. Man konnte die von ihm bezahlten Inszenierungen an ihrer dekorativen Leere erkennen. Eine seiner Lieblingsproduktionen war eine Turandot mit Valerie Gergiev als Dirigent und einem riesigen Bronzeschädel als Bühnenbild - hohl dröhnender Protz. In den USA verkünden die Kulturinstitutionen nach der Verhaftung Vilars, sie würden die Seriosität ihrer Mäzene nun noch viel genauer als bisher unter die Lupe nehmen. In Deutschland, wo die Staatssubventionen schwinden, kommt der Flirt mit den privaten Geldgebern erst richtig in Gang. Ich bin Beispiel und ein Vorbild, tönte Vilar, wenn er in Europa die segensreiche private Kulturfinanzierung pries. Das hat sich nun erledigt.