Die Schicht beginnt für Jörg Sontowski morgens um acht, in einem Berliner Gewerbegebiet. Viele Jahre lang hat der gelernte Werkzeugmacher auf Baustellen gearbeitet – Straßen gepflastert, Rohre verlegt, Fundamente betoniert. Nebenbei baute Sontowski sein eigenes Einfamilienhaus, daheim, in Schwarzenberg im Erzgebirge. Doch an diesem Morgen benutzt er nur Werkzeug aus Papier: kopierte Fotos von Kreissägen, Schwingschleifern, Maurerkellen. Dazu ein kleines, braunweiß eingeschlagenes Brevier, das Norwegisch-deutsche Bauwörterbuch. Sontowski arbeitet an einen Projekt, das größer ist als alle seine Bauaufträge zuvor: Er will nach Norwegen auswandern.

Wer keine Stelle hat und in der Fremde danach sucht, dem erweist das Arbeitsamt einen letzten Dienst: In Kursen rüstet es Arbeitslose für das Leben und den Job im Ausland. Vor allem für Norwegen, Großbritannien, Irland und die Niederlande gibt es Schulungen. Vier Millionen Euro hat die Bundesagentur für Arbeit dafür bereitgestellt. In diesem Jahr sollen 10000 Arbeitslose ins Ausland vermittelt werden, gut doppelt so viele wie 2004. Fast jeder dritte Auswanderer soll dafür einen Lehrgang bekommen.

Im Kurs von Jörg Sontowski sitzen 16 Bauhandwerker. Die Kosten des 12-Wochen-Kurses trägt die Arbeitsagentur, 1400 Euro für jeden Teilnehmer. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. "Eigentlich ist das traurig", sagt Sebastian Michler, Steinmetz aus dem brandenburgischen Strausberg: "Die Jungen sollten doch die Zukunft sein. Doch wir graben uns selbst das Wasser ab." Michler ist 28. Er sieht müde aus: dunkle Schatten unter seinen Augen, ein zaghafter Vollbart. Arbeit in Deutschland habe er zuletzt immer nur für zwei bis drei Monate gefunden, erzählt Michler, im Winter gar nicht. Wegen der Schwarzarbeit seien reguläre Stellen knapp; dazu komme die billige Konkurrenz aus Polen.

Auch Jörg Sontowski sieht in Deutschland keine Perspektive mehr: "Mit 47 Jahren habe ich hier keine Chance." Er ist der Zweitälteste im Kurs. Nun büffelt er norwegische Fachvokabeln von lyskaster (Bauleuchte) bis limpistol (Klebepistole). "Ich bin 30 Jahre aus der Schule raus, aber das ist machbar."

"Die Norweger schauen nicht so sehr darauf, wie alt jemand ist, sondern ob er Berufserfahrung hat", sagt der Leiter des Schulungszentrums, Jörg Heyne. "Alle, die jetzt im Kurs sind, haben eine Arbeitsplatzgarantie." Heyne arbeitet mit der Zeitarbeitsfirma Adecco zusammen; diese wählt die Teilnehmer mit aus und gibt ihnen schon zu Kursbeginn einen Vorvertrag. In Norwegen bekommen sie dann einen festen Arbeitsvertrag, bei Stundenlöhnen von 16 Euro – in Deutschland wird oft nicht mal die Hälfte gezahlt. Die meisten blieben auf Dauer, sagt Heyne. Von allen Teilnehmern aus den vergangenen drei Jahren arbeiteten mehr als 80 Prozent noch in Norwegen.

6000 Deutsche arbeiten bereits in Norwegen – und viele fragen an

Seit Hartz IV ist das Ausland noch attraktiver geworden: "Im Januar fragten plötzlich deutlich mehr Leute bei uns an, wie sie in Norwegen arbeiten können", sagt Wirtschaftsrat Morten Paulsen von der norwegischen Botschaft in Berlin. 2003 arbeiteten mehr als 6000 Deutsche in Norwegen – Tendenz steigend. Manche kommen durch Broschüren im Arbeitsamt auf die Idee, andere folgen ihren ehemaligen Kollegen.

Sechzig Deutsche habe sie dieses Jahr eingestellt, sagt Yvonne Marzinke von Adecco Norwegen. "Es könnten hundert mehr sein." Doch die erforderlichen Schulungen seien von den Arbeitsagenturen nicht bewilligt worden. Der Grund: In diesem Jahr werden die Auswandererkurse erstmals zentral vom Europaservice vergeben – dadurch soll Wettbewerb unter den Anbietern entstehen und das Angebot besser auf den Bedarf der Zielländer abgestimmt werden. Doch bislang kommt die Vergabe nicht so recht voran: Nur 14 Kurse sind genehmigt, die große Ausschreibung beginnt erst diese Woche – im neu geschaffenen Europaservice mussten "erst die notwendigen Strukturen geschaffen werden", begründet dessen Leiter Jean-Christophe Lanzeray die Verzögerung.