Ich behaupte, man kann dieses Auto auch dann lieben, wenn man nicht in der Welt lebt, in die es gehört. Die Königin von England schnurrt mit ihrer royal-maroon-farbenen state limousine im Land der selbstschließenden Wagentüren umher, hinter ihr die Land besitzende Klasse Europas und der USA sowie ungezählte Scheichs – ein Korso des höheren Wohllebens. Da können wir uns nur die Nase an den Scheiben platt drücken.

In Wahrheit baute Bentley früher vor allem schwere, teure Autos, die im Gebrauch durch eine aristokratisch gestimmte Einbildungskraft veredelt werden mussten. Seit 1998 befindet sich die Marke im Steigflug. Das hat mit der Übernahme durch Volkswagen zu tun, ein Name, der in diesem Zusammenhang schwer über die Lippen geht, aber der deutsche Konzern zwang die Briten nicht zum plebejischen Downsizing, sondern vor allem zum Bau technisch besserer Autos.

Ein bisschen näher an der Lebensrealität ist Flying Spur, wenn auch nur ein bisschen. Er ist die Fortentwicklung des drei Jahre alten Continental GT Coupé zu einer fünfsitzigen Limousine. Das Auto ist ein großes Familienvergnügen. Als ich ein Foto des Wagens präsentierte, wollte die Zweijährige gleich "mitfaaahn". Das freute die Eltern auch deshalb, weil sie das Wort im kleinen Wortschatz noch gar nicht vermutet hatten. Nun ist auch "Bäänlie" darin. Die Kinder begeisterten sich allerdings weniger an Holzleisten und Lederverkleidungen, sie fanden es toll, beim Tankstellen-Stopp schnell ein wenig fernzusehen. Ob das dezente Interieur jedoch dem Angriff der Säfte und der Flutschfinger standhält, weiß keiner auf der Welt.

Dieses Modell bietet Bentley der unteren Upperclass mit untadeligem Konsumgeschmack zum Kauf an. Im Schnitt, so Bentley, besäßen künftige Besitzer des Flying Spur ein Vermögen von drei bis vier Millionen Euro, außerdem ein bis zwei Sportwagen: eine kleine Flotte, die nun noch durch eine Familienkutsche ergänzt würde. Viele Selbstständige und wohlhabende Dienstleister in der Elternphase seien darunter.

Es ist das Auto für die sozialeren unter den Heuschrecken. Man kann damit zum Yachthafen fahren oder die Kinder zum Reiten bringen. Zum Brötchenholen wird man eher den kleinen Wagen nehmen, denn bei einer Länge von 5,40 Metern und einem Radstand von 3,10 Metern bleibt das Einparken auch mit Übung lästig.

Stilvoll, aber nicht langweilig: Der Flying Spur verspricht Abenteuer und könnte auch im Krimi mitspielen. Im Grunde gehört er in die schattigen Countryclubs, wo Gerd Fröbe in Knickerbockern die Golfschläger schwingt und böse Chinesen Attentate mit Hutkrempen verüben. Der Kofferraum ist groß, wirklich groß. Drei Leichen hätten bequem nebeneinander Platz, ohne dass es Gedränge gäbe. Oder eine Lage Goldfinger-Goldbarren. Oder auch nur ein pastellfarbenes Beautycase mitten in einem kunstvollen Arrangement aus Holzspielzeug.

Mein kritisches Mittelklasse-Auge ruhte lange auf der Frontpartie des Wagens, auf den hypnotisierenden Doppelscheinwerfern und dem beeindruckenden Matrix-Kühlergrill – und wie sich alles in wohlmodellierten Muskelsträngen nach hinten verliert. Mich erinnerte das an jene britische Hunderassen, denen man auf den kräftigen kleinen Körper einen Riesenkopf mit breitem Maul gezüchtet hat. Es ist ein sehr englisches Design, auf verfeinerte Weise wild und mit der Ästhetik des rohen Fleisches spielend, die in der britischen Kunst weit verbreitet ist. Dieses Auto signalisiert existenzielle Schnelligkeit, genauer gesagt: den Augenblick des Zupackens. Wer will, kann das auch "sportlich" nennen und dann das handgefertigte Lederlenkrad oder die chromgefassten runden Belüftungen streicheln.

Man muss solches Zeug aus dem Brit-Shop mögen, ich mochte es in diesem Fall. Obgleich es keine Leidenschaft bei mir auslöst. Zur Schau gestellte Anglophilie ist mir zuwider. Zu keiner Zeit hatte ich jedoch das Gefühl, in einem Bentley-Selbstzitatkasten unterwegs zu sein. Richtig schön wird’s ab Tempo 200: das vollkommene Schnellfahren mit einem Hauch von Unbesiegbarkeit. Ja, sicher, eine Jungsfantasie, aber wenn schon regredieren, dann auf hohem Niveau. Frau und Kinder haben den Wagen übrigens auch schnell lieb gewonnen, sie nahmen es nicht übel, wenn Papa sich mit seinem idealen Selbst beschäftigte, als er den Startknopf drückte. Man bleibt auf der Erde.