Nuggets findet man selten bei dieser Art von Goldgräberei. Aber die wenigen, die noch zutage kommen, sind unbezahlbar. Denn die Töne des Johann Sebastian Bach halten in aller Regel für die Ewigkeit. Als vor drei Wochen der Musikwissenschaftler Michael Maul in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek nach musikgeschichtlich Relevantem suchte, war er von Goldrausch weit entfernt.

Was hier einst an Noten existierte, stand auf der zweiten Galerie - und die ist vor neun Monaten komplett verbrannt. Dort befand sich eigentlich auch das Gedicht, das zum Geburtstag des Herzogs Wilhelm Ernst zu Sachsen-Weimar am 30. Oktober 1713 gedruckt wurde. Alles mit Gott und nichts ohn' ihn. Weil ein Restaurator sich für das rare Brokatpapier des Einbands interessierte, lag das Gedicht während des Brandes in der Werkstatt - und so kam es dem jungen Forscher vor Augen. Zwölf Strophen blättert er durch, die letzten beiden Seiten sind unbedruckt. Aber nicht unbeschrieben. Da stehen 57 Takte zum Text. Eine komplette Sopranarie mit Zwischenspiel in der Handschrift jenes Mannes, der seit 1708 Hoforganist in Weimar war - Johann Sebastian Bach. Das kann ja gar nicht sein, sagte sich Maul fassungslos. Aber seine Leipziger Kollegen bestätigten: Es ist der erste Fund eines originalen Vokalwerks von Bach seit 70 Jahren, Note für Note unbekannte Musik. Man wird sie noch in diesem Jahr hören können, John Eliot Gardiner übernimmt die Ersteinspielung parallel zur Veröffentlichung des Faksimiles. Die Qualität der Geburtstagsarie kann es mit der berühmten Jagdkantate aufnehmen, die kurz zuvor entstand - auch das kontrapunktische Streicherritornell ragt weit über das hinaus, was für so eine kleine Gelegenheitsarbeit nötig gewesen wäre.

Typisch Bach halt. Die Musikgeschichte muss nicht umgeschrieben werden. Aber sie ist um einen Nugget reicher.