London

Europa steckt in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte, und was tut Tony Blair? Er fliegt zum Plausch mit seinem Freund George Bush nach Washington. Während sein Außenminister im Unterhaus die europäische Verfassung de facto beerdigte. Wer dem europäischen Engagement des "perfiden Albions" nie so recht über den Weg traute, dürfte sich bestätigt fühlen: Angloamerika weidet sich insgeheim an der europäischen Malaise, die durch das Nein von Franzosen und Niederländern zur Verfassung ausgelöst wurde. Nun planen die Angelsachsen für eine Zukunft, in der die EU nicht mehr sein wird als eine riesige Freihandelszone, in der kalter Kapitalismus nach amerikanischem Muster dominieren soll. 10 Downing Street reagiert erbost auf solcherlei Deutung. Schließlich war es Zufall, der Blair als Vorsitzenden der G8-Länder nach Amerika führte, wo er bei Bush für Afrikahilfe und Klimapolitik warb.

Doch Eindrücke zählen nun mal auch in der Politik. Zumal in der Atmosphäre fiebriger Ungewissheit und gegenseitiger Schuldzuweisungen, die in Europas Hauptstädten grassiert. Wie unfair das auch sein mag gegenüber einem Politiker, der auf dem Kontinent vor gar nicht langer Zeit noch als proeuropäischster aller britischen Premiers gefeiert und dem 1999 in froher Erwartung der Karlspreis (für "die Hinwendung Großbritanniens zur Europäischen Union") verliehen wurde. Blair hat die hoch gesteckten Hoffnungen enttäuscht; sein Land verweigerte sich dem Euro, über den Irak schlug er sich auf die Seite Amerikas. In den Augen des "alten Europas" gravierende Fehlentscheidungen, die seinen Job als Ratspräsident der EU vom 1.Juli an nicht erleichtern werden.

Offiziell verwahrt sich London noch dagegen, die Suspendierung des britischen Verfassungsreferendums als endgültige Absage zu deuten. In der Umgebung Blairs räumt man jedoch ein, dass eine Abstimmung über die EU-Verfassung in Großbritannien nur denkbar sei, würden Paris und Den Haag verbindlich erklären, dass ihre Völker binnen der vorgesehenen Frist noch einmal abstimmen und diesmal mit Ja votieren werden – was natürlich unmöglich ist.

Blairs Außenminister vermochte trotz sorgfältiger Formulierung seine Genugtuung über das Scheitern des Vertragswerkes nicht ganz zu verbergen. Straw, der im Lauf der Jahre immer euroskeptischer geworden ist, hätte am liebsten Klartext gesprochen und die Verfassung für tot erklärt. Blair verdonnerte ihn und das Kabinett, Freudentänze auf dem Grab des Vertragswerkes zu unterlassen. So blieb dies der Opposition vorbehalten. Er sei zwar kein praktizierender Arzt mehr, höhnte Liam Fox, Schattenaußenminister der Konservativen, doch er sei "allemal fähig, einen Leichnam zu erkennen". Die Parlamentarier bogen sich vor Lachen. Auch die Hinterbänkler von Labour feixten, was gar nicht nach Blairs Geschmack war. Er will um alles in der Welt vermeiden, dass Großbritannien als Totengräber des Vertragswerkes dasteht. Diese Rolle soll seinem Intimfeind Chirac vorbehalten bleiben, der dem Briten liebend gerne den Schwarzen Peter zuschieben möchte und unablässig aufs herzlose "angelsächsische Modell" einprügelt.

Beim Krisengipfel in Brüssel in der nächsten Woche will der britische Regierungschef als ehrlicher Makler auftreten. Er baut darauf, unter Europas Regierungen werde sich die Einsicht durchsetzen, dass die Verfassung, die er selbst bejahte, nicht mehr zu retten ist. Angesichts der tiefen Kluft, die sich zwischen Völkern und Eliten Europas aufgetan hat, hält der Brite es geradezu für gefährlich, das Vertragswerk mit Gewalt doch noch durchpauken zu wollen. Selbst der Versuch, "sinnvolle Elemente" der Verfassung zu retten, etwa die neuen Abstimmungsregeln, müsse "sehr behutsam" unternommen werden, um den Eindruck zu vermeiden, man wolle die Verfassung "durch die Hintertür" verwirklichen.

Ein zürnender Diplomat aus dem "alten Europa" sprach von einem "Treppenwitz der Geschichte". Ausgerechnet ein Brite wolle sich als "Retter Europas" gerieren. Es mag auf den ersten Blick ein bisschen ironisch wirken, dass im wild wuchernden europäischen Garten nun ausgerechnet der britische Bock den Job des Gärtners übernehmen wird. Aber wer sonst sollte es tun? Gerhard Schröder, den Blair persönlich nach wie vor sehr schätzt, ein Kanzler auf Abruf, Chirac, den er ziemlich unausstehlich findet, spätestens seit dem gescheiterten Referendum eine lahme Ente. Tony Blair, angezählt zwar, aber vom Wähler bestätigt, ist sogar wieder Herr seines eigenen Geschicks. Ausgerechnet dem Votum der Franzosen verdankt er seine neue Überlebenschance. Die unvermeidliche Niederlage in einem britischen Referendum (derzeit wollen 70 bis 80 Prozent der Briten gegen die Verfassung stimmen) hätte ihn dazu gezwungen, die Schlüssel von 10 Downing Street spätestens im Frühsommer 2006 Finanzminister Gordon Brown auszuhändigen. Gibt es kein britisches Referendum, fällt der natürliche Endpunkt seiner Amtszeit fort. Der Labour-Premier will, so munkelt man in Whitehall, auf jeden Fall länger als Maggie Thatcher im Amt verharren. Gordon Brown müsste sich dann mindestens noch bis zum Herbst 2007 gedulden.

Blair zieht also mit neuem Optimismus in den Kampf um Europa. Großbritannien und Frankreich, die alten Rivalen in herzlicher Abneigung vereint, werden zwangsläufig heftiger denn je zuvor aufeinander prallen. Frankreich strebe "ein europäisches Deutschland in einem französischen Europa an", giftete ein britischer Minister vor drei Jahrzehnten über die Priorität der französischen Außenpolitik. Lange Zeit schien Paris auf gutem Weg. Nicht länger mehr. Als Illusion erwies sich die Annahme der Integrationsbefürworter, sie könnten beides haben, Erweiterung wie Vertiefung. Das neue Europa, das nach Blairs Vorstellungen weiter wachsen und auch die Türkei umfassen soll, entspricht dagegen mehr britischem Geschmack: lockerer, atlantischer orientiert und weniger gelenkt von einer zentralen Bürokratie.