Edelgard Bulmahn legt kurz vor Ende der Regierungszeit ein Programm für die Geisteswissenschaften auf. Es soll die Zusammenarbeit der kulturwissenschaftlichen Disziplinen mit anderen Fächern stärken und die Forscher aus der Defensive locken

DIE ZEIT: Die Geisteswissenschaften sollten laut Koalitionsvertrag ein Schwerpunkt der rot-grünen Forschungspolitik sein. Erst jetzt, kurz vor Regierungsende, beginnt das Bundesbildungsministerium das erste große Förderprogramm für diese Fächer. Eine letzte Tat aus schlechtem Gewissen?

Edelgard Bulmahn: Ganz und gar nicht. Die Bundesregierung fördert die Geisteswissenschaften auf vielen Wegen: über die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die einschlägigen Institute der Max-Planck-Gesellschaft sowie die Akademien mit ihren geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben. Jetzt folgt ein neues Programm, für das wir jedes Jahr 4,5 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Fakt ist: Wir haben die Fördersumme für einzelne geisteswissenschaftliche Projekte in den vergangenen sieben Jahren fast verdreifacht. Europa – und insbesondere Deutschland – ist der Ort der Geisteswissenschaften. Das muss auch in Zukunft so bleiben.

ZEIT: Bei Ihren Auftritten ist immer viel von Nano…, Bio… und Info… die Rede und von Wissenschaften, die Arbeitsplätze schaffen. Geisteswissenschaftler können sich da nicht angesprochen fühlen.

Bulmahn: Es gibt unter Geisteswissenschaftlern, darauf hat der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin hingewiesen, eine gefühlte Lage, die sich von der realen Lage häufig unterscheidet. Entgegen der landläufigen Meinung ist zum Beispiel die Zahl der Professoren in den vergangenen Jahren keinesfalls gesunken. Auch steht den Kultur- oder Sprachwissenschaftlern heute nicht weniger Geld zur Verfügung als früher, sondern mehr. So hat die DFG ihre Förderquote für die Geisteswissenschaften in den vergangenen zehn Jahren erhöht.

ZEIT: Dann steht ja alles zum Besten.

Bulmahn: Gewiss nicht. Die Studierendenzahlen sind in den Sprach- oder Kulturwissenschaften kontinuierlich gestiegen. Dadurch ist das Verhältnis von Lehrenden und Studierenden in den Geisteswissenschaften erheblich schlechter als in vielen Naturwissenschaften. Das bereitet vielen Professoren zu Recht Sorge. Hinzu kommen neuere Entscheidungen von Universitäten oder Landesregierungen, einzelne geisteswissenschaftliche Lehrstühle oder ganze Institute zu schließen.