Am Anfang Wasser, am Ende wieder, dazwischen ein ununterbrochener Fluss der Bilder: Vieles fließt in Fatih Akins jüngstem Film, manches sogar gegen die eigenen Strömungsvorgaben. Kühn spannt sich die titelgebende Brücke über die Meeresenge, weithin sichtbares Zeichen für die Verbindung von Orient und Okzident und nirgends so sinnfällig zu erleben wie in Istanbul, dem Grenzposten zwischen den Welten, doch Akin widmet ihr bloß einen kurzen Schwenk aus der Vogelperspektive, bevor die Kamera sich hinabstürzt. Knapp oberhalb des Wasserspiegels, auf einem der vielen Vergnügungskutter, die den Bosporus beschippern, findet Crossing The Bridge, seine Dokumentation einer bewegten Musikszene, ihr eigentliches Element: Istanbul, wie es swingt und flowt.

Es fließt im Namen der Musik, der man nicht umsonst nachsagt, sie sei als abstrakteste Kunstform zugleich die emotionalste, am wenigsten greifbare. Es fließt im Namen der Symbolik, die dort, wo andere die Kollision zweier Kontinente sehen wollen, bloß eine verschwimmende Grenze wahrnimmt. Es fließt auch im Namen der Band Baba Zula, die sich, stellvertretend fürs große Ganze, zu einem Konzert auf schwankendem Boden überreden ließ, wenngleich auch sie nur kurz ins Bild kommt. Dass der viel beschworene Kampf der Kulturen ein ideologisches Konstrukt sei, wird einer der vielen zu Wort kommenden Protagonisten später sagen – eine Aussage, die sich in Stein meißeln ließe, ginge sie nicht selbst nahezu unter in der Polyfonie der Stimmen. Denn was am heftigsten fließt, ist die Libido selbst. Fatih Akin hat sich verknallt in Istanbul, die Stadt seiner Kindheitssommer. Er führt sie dem Publikum vor wie eine Geliebte.

Crossing The Bridge ist ein Film, der vor allem eines will: zeigen. Wie angenehm es sich in Istanbul leben lässt, wenn der Abend die Hitze mildert und alles nach draußen strömt. Wie vielfältig die Sounds klingen, die einem dabei die Laune heben. Wie modern, ja wie europäisch die Türkei mittlerweile geworden ist, ohne dabei sklavisch den Westen nachzuahmen. Weil das eine Menge ist und das Herz ständig überzufließen droht, hat Akin sich einen Erzähler hinzuerfunden. Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten spielt Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten, einen bärtigen Großstadtcowboy und Produzenten, der in die Stadt gekommen ist, um sie am Klang zu erkennen. Wenn er nicht gerade versonnen aus den Fenstern des Grand Hotels herausschaut, in dem er sich stilgerecht eingemietet hat, sitzt er hinter den Reglern seines mobilen Studios, nimmt hier ein Sound-Sample und spendet dort einen Kommentar.

Zu entdecken gibt es vieles: neben dem türkischen Krautrock von Baba Zula türkischen Rap, türkischen Folk, türkische Electronica. Im Stadtteil Üsküdar, auf der asiatischen Seite gelegen, wohnt Ceza, Istanbuls Antwort auf Public Enemy, und in den Seitenstraßen der Amüsiermeile Istiklal Caddesi spielen die Straßenmusikanten ihre Outlaw-Weisen so herzzerreißend, dass Hacke auf der Stelle mitspielt. Längst hat die Türkei ihre eigenen Stars hervorgebracht, Legenden wie Orhan Gencebay, den König der Arabesk-Musik, oder den immer noch respektierten Altrocker Erkin Koray. Längst hat sich die Szene zugleich internationalisiert. Ein Mann wie Mercan Dede, der Techno-Beats mit Sufi-Mystik anreichert, lebt nur noch zeitweilig in Istanbul. Den Rest des Jahres verbringt der ausgebildete Multimediakünstler in seiner Wahlheimat Montreal – wenn er nicht gerade als digitaler Derwisch die Welt betourt.

Oft sind es Emigrantenkinder wie Akin selbst, die der einheimischen Musik neue Impulse geben. Sie haben im Ausland studiert wie die Gebrüder Ahmet und Mehmet Ulug, die seit zehn Jahren das richtungweisende Doublemoon-Label betreiben. Sie kennen die feinen Unterschiede neuerer Rockstilistiken von Lehrjahren in Seattle wie der Sänger der Istanbuler Grunge-Band Duman. Jetzt speisen sie globales Know-how in die lokalen Kontexte ein. Manchmal sind es gar keine Türken mehr, sondern Kanadier, die den schönsten türkischen Folk zelebrieren: Die Sängerin Brenna MacCrimmon etwa kennt das traditionelle Liedgut wie keine Zweite – und wird dafür geliebt. Umgekehrt umweht selbst ehemalige Regionalgrößen wie Selim Sesler heute ein Hauch von World Music. Vor kurzem noch bewegte er sich als Sinti-Musiker am unteren Rand der Gesellschaft. Inzwischen ist er anerkanntes Mitglied von Cool Turkey.

Hacke sammelt stellvertretend für Akin Soundbites und Statements ein, halb Nachfahr Alexander von Humboldts, der exotische Klänge nach Hause trägt, halb Fan, der mit glänzenden Augen von seinen Erlebnissen berichtet. So gelingt es, ein annähernd vollständiges Porträt des lokalen Musikschaffens zu erstellen, wobei eine Stimme in die andere übergeht und kein Stil in Widerspruch zum anderen tritt. Alle haben sie mitgemacht, die Elektroniker von Orient Expressions, die Kurdin Aynur, die Breakdancer aus dem Stadtteil Kadaköy. Gencebay gab eigens für Akin sein erstes Live-Konzert, und zum krönenden Abschluss ließ sich sogar Sezen Aksu auf den Vergnügungskutter locken, die Urmutter des Türkpops. Verliebt streicht die Kamera ihr übers Gesicht, bis sie am Ende ihrer Pose zurückblickt und lächelt. Doch die große Stärke des Films – seine absolute Hingabe an den Gegenstand – ist zugleich seine größte Schwäche. Im Verlangen, alles zu zeigen, kommt vieles zu kurz.

Wie die meisten Verliebten neigt Akin dazu, sein Objekt zu idealisieren. Hintergründe und Zusammenhänge bleiben dabei nahezu vollständig auf der Strecke. Staatspräsident Tayyip Erdogˇans Bestrebungen, die weltoffene Musikszene Istanbuls als Aushängeschild zu nutzen – kein Thema. Die innere Verbindung von junger Kunst und Fremdenverkehrswerbung – ein blinder Fleck. Die politisch längst nicht gelöste Kurden-Problematik verkürzt sich auf ein schön gesungenes Lied und den Hinweis, dass kurdische Musik neuerdings wieder im Radio gespielt wird. Gleich gar nicht erst ins Blickfeld rückt Istanbuls Gegenpol, das konservative Hinterland im Osten, obwohl es sich auch am Bosporus seine Enklaven geschaffen hat. Stattdessen Flow ohne Ende. Wie bei einem DJSet wird jedes Motiv nur kurz angescratcht, um dann in der Sinfonie einer Großstadt aufzugehen, dies allerdings mit viel Spin und Drive. Crossing The Bridge ist ein rauschhafter, rhythmisch geschnittener Bilderbogen, der der Musik Istanbuls mit musikalischen Mitteln beizukommen versucht. Wer mehr wissen will, muss seine eigenen Augen und Ohren hintragen.