Unvergesslich das erste Bild: die Totale von Los Angeles im Jahr 2019. Es ist keine Stadt mehr, was man da sieht, es ist eher der Traum eines Molochs, der aus diversen Kraftwerksschlöten Feuer speiend wie ein vielköpfiger Drache auf der Lauer liegt. Der dauernde Regen, die ewige Dunkelheit einer Welt nach dem Atomkrieg, die Überlagerungen von Geräuschen im Bild und Soundeffekten aus der Musik, die irre Architektur, der Qualm, der von überall präsenten Ventilatoren ins Gegenlicht geblasen wird, die Feuersäulen am Horizont, dieses ganze Katastrophendesign des Jahres 2019, das eigentlich eher nach einem zehnfach vergrößerten Tokyo aussah.

Es war ein Coup. Der genialste Science-Fiction-Autor Amerikas, der kurz vor der Premiere des Films verstorbene Philip K. Dick, war von dem Engländer Ridley Scott so umgesetzt worden, dass vom Roman Do Androids dream of electric sheep? vor allem die bedrohlichen Elemente übrig blieben: die paranoide Atmosphäre, die tiefe Gebrochenheit der Figuren und die typisch Dicksche Verunsicherung auf allen Erzählebenen.

Es gab wohl seit Fritz Langs Metropolis keinen Science-Fiction-Film mehr, der seinen Erfolg so sehr einem sensationellen Design verdankte. In Blade Runner nutzten die Architekten den veredelten Punk-Look und das Loft-Design der Spätsiebziger, entwarfen fliegende Autos, die aussahen wie vom Jahrmarktkarussell geklaut, und garnierten das Ganze noch nostalgisch mit Art-déco- Anleihen und mit Ikonen und Posen aus dem Gangsterfilm der dreißiger Jahre.

Blade Runner ist ein Polizeithriller im Gewand eines Science-Fiction-Films. Er ist sozusagen der Film noir unter den großen Zukunftsvisionen des Kinos. Harrison Ford spielt einen Kampf-Samurai, einen scheinbar eiskalten Engel der Polizei in L. A. des Jahres 2019. Er jagt aufständische Roboter, "Replikanten", die von Menschen kaum zu unterscheiden sind – und er liebt eine Replikantin. Bis zum Ende kann er sich selbst die entscheidende Frage nicht beantworten, ob er vielleicht selbst ein Replikant ist.

Die Fragen des Films, die 1982 unbedingt ins Schwarze trafen, waren: Sind wir eigentlich alle noch am Leben? Oder sind wir innerlich schon mausetot, während wir andererseits panisch jene Maschinenmenschen jagen, die uns vermeintlich bedrohen? Und sind diese Maschinenmenschen in ihrer unbändigen Sehnsucht nach Freiheit nicht längst viel lebendiger als wir?

Das Neue an den starken Filmen der Achtziger war ihre völlig selbstverständliche Desillusioniertheit. Dass alles verrottet war in den oberen Etagen der Welt, war nicht einmal mehr einen Skandal wert. Es war ja allen damals schon klar, dass man in Zukunft in unseren Gesellschaften übermächtigen Konzernen, ihren Überwachungsstrategen und den völlig korrupten und machtberauschten Medien- und Politfunktionären gegenüberstehen würde. Und dass man von nun an wieder auf der Hut vor dem Staat sein musste, denn alle freiheitlichen Träume der Nachkriegszeit waren längst ausgeträumt.