Und plötzlich erreicht die Debatte um Guantánamo das Herz der Macht. Mit Joseph Biden, einem Demokraten, hat am Sonntag der erste Senator die Schließung des Gefangenenlagers gefordert: Einfach dichtmachen! Zugleich meldet sich eine Autorität zu Wort, die bislang schwieg. Absurd, und zwar gleich viermal, nennt Präsident Bush die Anschuldigung der Generalsekretärin von amnesty international, Amerika unterhalte den Gulag unserer Zeit. Nach Jahren weltweiter Proteste scheint es die Provokation dieses Vergleiches zu sein, die Bush trifft - und zugleich die Diskussion kompliziert.

Natürlich gibt es kein Gulagánamo. Das Bild ist, wie Bush zu Recht sagt, absurd. Vielleicht hätte die Amnesty-Chefin bei Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum nachlesen sollen, in Gulag: A History. Dann hätte sie erfahren, dass im Archipel der sowjetischen Lager über die Jahre 18 Millionen Häftlinge dahinvegetierten. Etwa drei Millionen kehrten nicht zurück. Hunderttausende wurden einfach exekutiert. So schlimm es sein mag, was in Guantánamo, Abu Ghraib oder Bagram geschah oder noch geschieht: Diese Gefängnisse unterhält kein Staat, der politische Opposition systematisch vernichten will. Die Maßlosigkeit des Vergleiches mit dem Gulag wird jenen verirrten Seelen gefallen, die seit je an der Gleichung arbeiten: Saddam = Stalin = Hitler = Bush.

Amerikas Opposition beklagt, dass amnesty ihr einen Bärendienst erwiesen habe. Warum nur, fragt E. J. Dionne von der Brookings Institution, machen Bushs Kritiker ihm das Leben so leicht? Die Regierung kann den Angriff von amnesty leicht zurückschlagen und sich in die angenehme Fiktion flüchten, im Gefängnis Abu Ghraib sei eine einzelne Nachtschicht bedauerlicherweise durchgedreht. Ansonsten sei alles in Ordnung.

Tatsächlich ist und bleibt nichts in Ordnung: Suspension der Genfer Konventionen, Haft ohne Begrenzung, ohne Anklage, ohne Verfahren, ohne Rechtsmittel, Dutzende Häftlinge in US-Gewahrsam gestorben. Die Regierung Bush scheine ein Jekyll-und-Hyde-Problem zu haben, schreibt Fareed Zakaria in Newsweek. Während Dr. Jekyll tagsüber Reden über Freiheit in Arabien gibt, verwandelt er sich manchernachts in Mr. Hyde.

Es gebe bei der Regierung Bush ein Kriegerethos, dem zufolge es in Ordnung sei, die Bösen ohne viel Rücksicht auf Nettigkeiten des internationalen Rechts zu vertrimmen. Nach Zakarias Ansicht verdient Bush Hochachtung für seine Politik, nicht länger muslimische Tyrannen, sondern muslimische Freiheit zu fördern - wenn doch nur mal jemand Mr. Hyde erklären würde, welchen Imageschaden sein dunkles Wirken anrichte.

Der demokratische Senator Biden will diesen Widerspruch nun aufgehoben sehen - durch Schließung von Guantánamo. Er glaubt, dass Amerika den Kampf um das Wohlwollen der Welt anders nicht mehr gewinnen kann. Das Lager sei zum besten Propaganda-Instrument zur Rekrutierung von Terroristen geworden sei.

Der Ruf nach Schließung wird so schnell nicht verstummen.