Ein Glück für die Sünder, dass die Europäische Währungsunion keine Kündigung für Fehlverhalten vorsieht. Sonst wäre die Zahl der Euro-Staaten bereits halbiert: Vom großen Währungsverbund mit zwölf Staaten und 300 Millionen Bürgern bliebe nur eine Zwergenunion sechs kleinerer Länder mit gerade 50 Millionen Menschen übrig.

Deutschland, Frankreich und Italien – die wirtschaftlichen Schwergewichte, die schon 1958 zu den Gründungsmitgliedern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zählten – wären nicht mehr dabei, weil ihre Regierungen zu viele Schulden machen. Spanien und Luxemburg müssten sich zu hohe Inflationsraten ankreiden lassen. Dazu käme noch Griechenland, das sich seinen Beitritt zur Währungsunion 2001 mit falschen Statistiken ermogelt hat und gleich doppelt sündigt: mit zu hohen Schulden und zu starkem Preisanstieg.

Sechs Jahre nach ihrer Gründung ist die Währungsunion in desolater Verfassung. Die Verstöße von Mitgliedstaaten gegen die Stabilitätsziele des Maastricht-Vertrags sind dabei noch das geringere Problem; der Stabilitätspakt bietet auch nach der jüngsten Reform genügend Handhabe, um Wiederholungstäter zur Räson zu rufen – gerade hat die EU-Kommission das Defizit-Verfahren gegen Italien eingeleitet. Und der Euro selbst hat sich bislang als härtere Währung erwiesen als einst die Deutsche Mark.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Seit dem Start der Währungsunion driften die beteiligten Volkswirtschaften auseinander. Die Arbeitslosenquote sowie Wachstums- und Inflationsraten unterscheiden sich teilweise enorm. Diese Entwicklung kann auf Dauer gefährliche Spannungen verursachen. Um sie aufzulösen, ist nicht weniger, sondern mehr Europa nötig – angesichts der Krise der EU, die das Scheitern der Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden ausgelöst hat, ein derzeit fast aussichtslos erscheinendes Unterfangen.

Droht damit die Währungsunion, die der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer einst als "Schicksalsgemeinschaft" bezeichnete, zu scheitern?

Kurzfristig kann davon keine Rede sein. Unisono wiesen die Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Deutschen Bundesbank, Jean-Claude Trichet und Axel Weber, ebenso wie Bundesfinanzminister Hans Eichel Spekulationen über ein baldiges Ausscheiden von Mitgliedern aus der Euro-Zone als "absurd" zurück. "Der Euro", erklärte Trichet, "ist ein Erfolg."

Dagegen schließt die Göttinger Wirtschaftswissenschaftlerin Renate Ohr, die Anfang der neunziger Jahre einen Aufruf von mehr als 60 Professoren gegen eine Gemeinschaftswährung initiiert hatte, heute "nach wie vor nicht aus, dass die Währungsunion – vielleicht in 15 oder 20 Jahren – auseinander bricht". Es würden dann nicht alle Mitgliedsländer zu ihrer eigenen Währung zurückkehren, aber es könne "durchaus sein, dass das eine oder andere Land ausschert".

Auch der belgische Ökonom Paul de Grauwe, ein Euro-Befürworter, der jedoch stets auf die Risiken hingewiesen hat, meint, es sei "durchaus möglich, dass manche Mitgliedsländer aus nationalem Interesse eines Tages austreten".

Zum Start der Währungsunion 1999 hatten sich die Staaten bei den wichtigsten Wirtschaftsdaten angenähert. Um die so genannten Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrags zu erfüllen und sich damit die Eintrittskarte in den Euro-Club zu verschaffen, hatten sie in den Jahren zuvor die Defizite in den öffentlichen Budgets unter die vorgeschriebene Grenze von weniger als drei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts gesenkt. Sie drosselten ihre Inflation, die Anfang der Neunziger teilweise noch bei über sechs Prozent gelegen hatte, und erreichten damit auch eine weitgehende Angleichung ihrer damaligen nationalen Notenbank- und Kapitalmarktzinsen.

Doch die Hoffnung, dass dank der einheitlichen Geldpolitik für die Euro-Zone von nun an eine weitgehend parallele Entwicklung des konjunkturellen Auf und Ab in den Mitgliedstaaten erreicht würde, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil: Seit Beginn der Währungsunion nehmen die Unterschiede wieder zu. Auf der einen Seite stehen Länder mit starkem Wirtschaftswachstum und hohen Inflationsraten wie Spanien und Irland, auf der anderen Seite Staaten mit bescheidenem Wachstum und geringer Inflation wie Deutschland und die Niederlande.

Bei den Staatshaushalten reichte im vergangenen Jahr die Spanne von einem Defizit von 6,1 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (Griechenland) bis zu einem Überschuss von 1,3 Prozent (Irland). Ähnlich die Leistungsbilanzen: Deutschland verwandelte in den ersten sechs Jahren der Währungsunion sein ursprüngliches Defizit von 24 Milliarden Euro in einen Überschuss von 84 Milliarden, während Spanien immer tiefer in die roten Zahlen geriet und seinen Fehlbetrag auf fast 40 Milliarden Euro verdreifachte.