Petra Meibert schlägt eine silberne Klangschale an. Weich löst sich ein Ton, wandert durch den Raum und verhallt. Beginnen wir, indem wir den Atem spüren, sagt die Psychologin zu den Patienten im Tagungsraum der Bochumer Uni. Vier Männer und acht Frauen sitzen im Kreis auf gepolsterten Stühlen, die Augen geschlossen, die Hände im Schoß.

Die gemeinsame Meditation hat begonnen, ohne esoterisches Beiwerk. Keine bunten Sitzmatten, kein klassischer Lotussitz, kein Kerzenlicht, kein Duft von Räucherstäbchen. Hier geht es nur um die Methode, das Trainieren des eigenen Bewusstseins.

Derzeit boomt der Import fernöstlicher Spiritualität. Rationale Westeuropäer drängen in Meditations- oder Yoga-Kurse. Doch wo andere sich selbst finden wollen, erfüllt Meditation für die Bochumer Patienten einen existenziellen Zweck: sich vor der nächsten depressiven Phase zu schützen. Psychotherapeuten entdecken die uralten Übungen fernöstlichen Ursprungs jetzt für ihre Patienten.

Die Männer und Frauen im Raum nehmen an einer achtsamkeitsbasierten Therapie teil. Alle waren mindestens zweimal schwer depressiv, haben Medikamente geschluckt, waren wochenlang im Krankenhaus. Sie fühlten sich ohne jede Hoffnung, voller Verzweiflung, als permanente Versager. Appetit- und Schlaflosigkeit, schnelle Ermüdung oder Konzentrationsprobleme kamen hinzu. Er habe ein halbes Jahr nicht arbeiten können, erzählt ein Mann mittleren Alters nach dem Kurs, das Leben erschien ihm nicht mehr lebenswert.

Mehr als jeder zehnte Deutsche erkrankt mindestens einmal an einer Depression. Nach Wochen oder Monaten bessert sich der Zustand wieder, durch Medikamente oder Psychotherapie. Man taucht auf wie aus einem tiefen Loch, kann das Leben wieder genießen - bis zur nächsten depressiven Phase. Bei drei Vierteln der Menschen, die einmal depressiv waren, kehrt die psychische Erkrankung wieder, nicht nur einmal.

Manche Patienten schlucken deshalb jahrelang vorbeugend Medikamente.

Psychotherapeutische Ansätze für eine Prävention gab es lange nicht. Die achtsamkeitsbasierte Therapie ist eine der ersten, entwickelt von den klinischen Psychologen Mark Williams aus Oxford, John Teasdale aus Cambridge und Zindel Segal aus Toronto. Die Therapie besteht zum großen Teil darin, Patienten eine achtsame Haltung zu vermitteln: eine offene, unvoreingenommene Geisteshaltung, die die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt lenkt, auf aktuelles Tun, momentane Gefühle und Körperempfindungen, ohne sie zu bewerten oder abzuschätzen. Für Kursleiterin Meibert ist Achtsamkeit ein allgemeines menschliches Prinzip und nicht an eine bestimmte geistige Tradition gebunden. Buddhisten aber haben die Achtsamkeit zur Perfektion gebracht, dem Buddhismus sind auch die meisten Techniken entlehnt, die rückfallgefährdete Patienten erlernen sollen.