Martin Walser hat gesagt, er sei sensationell unvorbereitet aufs Alter. Vermutlich haben es die darstellenden Künstler da besser. Sie können sich vorbereiten. Der Schauspieler Gert Voss, zum Beispiel, nähert sich seinem 65.

Geburtstag (im Jahr 2006), und zuletzt wählte er lauter Rollen, die eigentlich Rüstungen sind. In ihnen ging er dem Alter furchtlos und grimmig entgegen. Er spielte Männer, die vom Alter zerlegt, angestochen, ins Monströse gezerrt worden waren: den 87-jährigen, an Rollstuhl und Diener gefesselten Großindustriellen Herrenstein in Thomas Bernhards Elisabeth II.

(2002), den weise ins Primatenhafte gleitenden Komiker Willi in The Sunshine Boys (2003), Ibsens Baumeister Solness als elegantes Gespenst, das Kraft aus jüngeren Frauen saugt (2004), und zuletzt Tennessee Williams' Big Daddy in Die Katze auf dem heißen Blechdach (2004), einen räudigen Kerl, dem der Swing der Verachtung in den faulenden Knochen saß.

Was hatten diese Männer gemeinsam? Sie waren einsam. Sie waren entweder frauenlos (ohne Freunde sowieso), oder aber die Frauen waren ihnen fremd geblieben. Voss, der singuläre Schauspieler, war aus Rollengründen mehr und mehr in die Position des Solisten geraten. Jetzt spielt er den Hauptmann Edgar in Strindbergs Totentanz (uraufgeführt 1905). Und nun ist die Einsamkeit auch eine künstlerische.

Edgar führt seit 25 Jahren Ehekrieg mit seiner Frau Alice, und von Edgar und Alice lernten Tennessee Williams, Edward Albee, Lars Norén, Martin Walser und Jon Fosse, wie man eine Ehehölle baut. Jedoch, in Peter Zadeks Inszenierung am Wiener Akademietheater ist der phänomenale Voss auf sich gestellt. Er sitzt da in Stiefeln und Uniform, als hoffe er auf einen Krieg, in den er ausrücken könnte - aber da ist immer nur der häusliche Krieg, dessen Front träge oszilliert. Die Aufführung ist wie ein Terrarium, welches für ein einziges Tier gebaut wurde - alle anderen, die darin verharren, Voss' Partnerin und Gegnerin Alice (Hannelore Hoger) und der gemeinsame Freund Kurt (Peter Simonischek), warten mit bang erhobenen Lauschern auf den Biss des Ungeheuers - sie sind dessen Studienobjekte und Beutetiere. Voss gibt einen kalten Menschenforscher, der die Wirkung seiner Taten und Worte mit bösem Amüsement genießt. Am Leben hält ihn nur die Neugier. Sein von innen zerschlagenes, von Gemeinheit ausgehöhltes Gesicht verhext die anderen. Wenn er leidet, dann um sich selbst. Er weint, und zehn Sekunden später ist er wieder staubtrocken: Die Tränen sind schon bei den Akten. Er zerfällt, er erleidet Herzattacken reihenweise, und zugleich frisst er sich voll mit jener Macht, die er über die anderen erlangt.

Man hasst diesen Edgar mit jeder Minute mehr, und man erliegt seiner verheerenden Intelligenz. Jeder Blick aus den schmalen Augen über den Säufertränensäcken, jedes Mundwinkelzucken ist ein so genannter großer Moment. Edgars Eigenart, in die Sätze der anderen wie schwerhörig hineinzuhorchen und so Zeit zu gewinnen, sein Tick, die Lippen zu bewegen, wenn er nicht spricht (als kaue er an ungesagten Worten), seine Lust daran, die anderen aus den Gefilden des symbolischen Handelns in den offenen, rauschhaften Hass zu locken, sein Wunsch, geschlagen und vielleicht vernichtet zu werden - es ist grandios gespielt. Edgar ist die Erfindung eines Schauspielers, der diese Figur in früheren Rollen ahnte und hier zusammenfügt: der Letzte und Härteste von allen - ein Mann aus bröselndem Stein. In Peter Zadeks Inszenierung ist er leider fast ein Denkmal, das Denkmal einer einsamen Kunst. Voss hat sich aufs Alter sensationell vorbereitet - es gibt auf der Bühne keinen, der ihm in diese Einsamkeit folgen könnte.