Der 16. September 1992 ist ein Mittwoch. Die Bank von England kämpft an diesem Tag einen verzweifelten Kampf gegen mächtige Spekulanten. Am Morgen erhöht sie die Notenbankzinsen auf 12 Prozent, am Mittag auf 15 Prozent. Gleichzeitig wirft sie mehrere Milliarden D-Mark auf den Devisenmarkt, um das britische Pfund zu stabilisieren. Es hilft nichts. Das Pfund fällt und fällt, am Nachmittag ist es nicht mehr im Europäischen Wechselkurssystem EWS zu halten, genauso wenig wie die italienische Lira. Beide Währungen verlieren 15 Prozent gegenüber der D-Mark, womit die EWS-Krise ihren Höhepunkt erreicht. Ausgestanden ist sie aber noch lange nicht, der Abwertungswettlauf dauert bis Mai 1993. Bis dahin hat die D-Mark mehr als zehn Prozent gegenüber der spanischen Peseta, dem portugiesischen Escudo, dem irischen Pfund und der schwedischen Krone gewonnen. Nur der französische Franc hält sich dank hoher Notenbankzinsen und massiven Interventionen. BILD

Die Erinnerung an jenen 16. September 1992 ist verblasst. Währungsturbulenzen sind in Westeuropa ein Fremdwort geworden. Seit dem Scheitern der Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden jedoch wird die Zukunft des Euro auf einmal infrage gestellt. EMU at Risk heißt der Titel einer neuen Studie des Center for European Policy Research. Der italienische Minister Roberto Maroni von der rechten Lega Nord fordert schon die Wiedereinführung der Lira. Im deutschen Wahlkampf muss der Euro als Sündenbock für die Wachstumsschwäche herhalten.

Der Blick zurück dagegen zeigt, welche Art von Krisen eine Währungsunion verhindert: Vor 13 Jahren hat die kräftige Aufwertung der DMark die damalige Rezession in Deutschland verschlimmert. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie war dahin, weil der Wechselkurs ihre Produkte im Ausland kräftig verteuerte, allein in Italien um 25 Prozent binnen weniger Wochen. Die Firmen entließen Mitarbeiter. Die Löhne durften kaum mehr steigen. Nur so gelang es der Exportnation Deutschland allmählich, den Aufwertungsschock zu verkraften.

Der Aufschwung in England ist kein Argument

Was passierte wohl heute, wenn die Europäische Währungsunion auseinander bräche? "Die DMark würde gegenüber allen anderen nationalen Währungen kräftig an Wert gewinnen", ist sich Julian Callow sicher. Dabei wäre es egal, dass es Spanien seit Jahren wirtschaftlich besser geht als Deutschland. Der Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital nennt es eine "Asymmetrie des Devisenmarktes". Stets folge die Herde dem gleichen Muster, und der D-Mark hafte nun einmal der Ruf einer harten Währung an.

Unter einer Bedingung hätten die Euro-Skeptiker Recht: Eine Währungsunion wäre überflüssig, wenn freie Wechselkurse die Ungleichgewichte zwischen den nationalen Volkswirtschaften ausglichen: bei den Inflationsraten, beim Wachstum und beim Außenhandel. Doch die Erfahrung zeigt, dass Wechselkurse oft, ungeachtet ökonomischer Fakten, schwanken und Spekulanten die Bewegungen noch verstärken.

Insofern bringt die Währungsunion Vorteile, gerade für den gemeinsamen Binnenmarkt. Plötzliche Aufwertungsschocks können die Kalkulationen der Unternehmen nicht mehr durcheinander wirbeln. Theoretisch kurbelt die Einheitswährung also die Wirtschaft an.

In der Praxis ist es allerdings ein wenig komplizierter. Großbritannien, das seine Währung nach 1992 nie mehr fixiert hat, geht es wirtschaftlich besser als vielen Euroländern. Liegt das an der kräftigen Abwertung von 1992, an dem fast zehnjährigen Immobilienboom oder daran, dass die Briten der Währungsunion fern blieben? Spanien profitiert in der Währungsunion wie kaum ein anderes Land von den niedrigeren Zinsen. Deutschland dagegen, so die landläufige Meinung, sei der große Verlierer des Euro.