E uropa ist tot, titelt der Economist . Doch welches Europa? Die zentralistische, alles regelnde, "soziale" EU, die zum Bundesstaat strebt? Oder die klassisch-liberale, deregulierende, freihändlerische EU, die sich mit ihrer "Lissabonner Strategie" vor fünf Jahren vorgenommen hatte, zur "konkurrenzfähigsten" Wirtschaft der Welt heranzuwachsen?

Tot, jedenfalls vorläufig, sind beide. Das "Nein" der beiden Gründungsmitglieder Frankreich und Holland galt einer EU, die den Leuten unheimlich geworden war. Einer Union, die zu viel Souveränität abgesaugt, zu wenig nationalen Spielraum erlaubt hat – und dies in einer Manier, die sich dem gewohnten demokratischen Procedere entzogen hat. Das war die Revolte des Nationalen gegen das "Postdemokratische" – gegen einen Leviathan, der nicht etwa im klirrenden Kettenhemd des Despotismus daherkommt, sondern als fürsorglicher Wächter von Frieden und Wohlstand.

Doch richtete sich der zweite Hieb nicht gegen den Souveränitätsräuber, sondern gegen die "Modernisierungsmaschine EU", gegen das "Tempo der Veränderung", wie der niederländische Premier Jan Peter Balkenende nach dem 62-Prozent-Nein seines Volkes zugab. Dieser Schlag wird die Zukunftsfähigkeit Europas noch mehr beschädigen als die Entgleisung seiner bundesstaatlichen Ambitionen. Dass Brüssel nicht nur machtheischend die Dicke der Äpfel oder die Dichte des Feinstaubs reguliert, ist den 450 Millionen mit dem weinroten Pass regelmäßig entgangen. Sie haben den acquis – die Errungenschaften – einfach mitgenommen und kaum begriffen, welcher wohltätige Modernisierungsschub seit fünfzig Jahren von der Diktatur der Bürokraten, wie der Spiegel titelt, ausgeht.

Chirac und Schröder sind eine Art "Heilige Allianz" gegen den Wandel

Die EU, geb. Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, reißt seit 1957 Grenzen nieder, hinter denen es sich Nationalstaaten ganz kommod eingerichtet hatten – mit Kartellen und Konkurrenzabwehr, mit schludriger Geldpolitik (Italien), die Inflation und Schulden gebar, mit staatseigenen Betrieben (Frankreich), die so effizient waren wie die VEB Plaste & Kleber in der früheren DDR. Wer vor dem Euro in Athen eine Mark in Drachmen tauschte und dann von Land zu Land westwärts weiterwechselte, hatte in Lissabon nur noch den Gegenwert von 49 Pfennig in der Hand; jetzt ist ein Euro immer noch ein Euro. Wir haben gern den billigeren Antinori geschlürft, die zollbefreite "Ente" gekauft – und vergessen, dass dahinter ein gemeinsamer Markt stand, in dem der Kapital- und Güterverkehr zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums freie Fahrt hatte.

Ohne die "Diktatur" müssten wir heute noch die Bundespost um ein Telefon anbetteln, mit hochpreisigen National-Linien fliegen, unsere Geld- und Versicherungsgeschäfte in konkurrenzgeschützten Finanzmärkten abwickeln. Die "List der eurokratischen Vernunft" dabei war, dass feige Regierungen im Namen (und unter der Knute) Europas Reformschritte wagten, die sie im rein nationalen Rahmen nie getan hätten.

Dieser heilsame Modernisierungsschub wurde allerdings schon vor den Referenden gebremst, und zwar pikanterweise vom "Motor" der EU, Deutschland und Frankreich. Unter der Ägide des "Tandems" Chirac-Schröder taten sich die beiden zu einer Art "Heiligen Allianz" gegen den Wandel zusammen, um die weitere Liberalisierung mit dem Kampfruf des "Lohn-, Sozial- und Steuer-Dumpings" zu stoppen. Im Gefolge der Abstimmungen fanden beide alsgleich einen willigen Bundesgenossen, den Noch-EU-Präsidenten Jean-Claude Juncker, der nun fordert, alle Direktiven auf ihre "sozialen Folgen" abzuklopfen. Übersetzt: Europa möge wieder die Mauern hochziehen und sich eine lange Pause auf dem Modernisierungsweg gönnen.

"Ruhe sanft" ist die Parole zumindest von "Old Europe", das von Wällen und Deichen gegen den Ansturm der Weltwirtschaft träumt – gegen "New Europe" im Osten, gegen Asien und Amerika. Es wird ein unruhiger Traum ohne glückliches Erwachen sein. Die Weltwirtschaft wächst mit fünf Prozent, Amerika mit knapp vier. In der Euro-Zone aber hat das Wachstum im ersten Quartal 2005 gerade mal 1,4 Prozent geschafft, in Deutschland noch weniger (1,1 Prozent). In den USA liegt die Arbeitslosigkeit bei 5,6, in Deutschland bei zwölf Prozent. Bloß ein Schnappschuss? Leider nein, begann doch Europas Siechtum schon vor zehn Jahren. Das Problem ist nicht die Konjunktur, sondern die Struktur; sonst würde "New Europe", wo die Steuern sinken und Investitionserleichterungen winken, nicht mit einem Wachstum von vier bis neun Prozent protzen.