Es lebe das soziale Europa! Diese Parole lässt sich aus dem französischen non, ja selbst aus dem niederländischen nee zum Verfassungsvertrag heraushören. Da treibt aus dem Mahlstrom des Zweifels, der die EU jetzt nach unten reißt, etwas empor, das von Anfang an da war. Sozial waren die Gründerzeiten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, da sie dem unterdurchschnittlich bezahlten französischen Bauern das Leben leichter machten. Sozial verstand ein Jacques Delors die Einheitsakte, mit der vor 20 Jahren der Binnenmarkt vollendet und zugleich der "soziale Dialog" befördert werden sollte. Sozial wirkte die Mechanik der geschmähten Struktur- und Kohäsionsfonds, die binnen weniger Jahrzehnte das arme Irland und das karge Spanien in blühende Landschaften verwandelten. Sozial unterfüttert war die Erweiterung gen Mitteleuropa, die nicht nur für Sicherheit, sondern auch für künftigen Wohlstand sorgen sollte. Und soziale Sicherung war auch ein Grundgedanke der ersten Osterweiterung überhaupt, der deutschen Einheit. Damals wurde die allgegenwärtige Angst vor deutscher Dominanz (die es selbst in Deutschland gab – bis hoch zum Kanzler Helmut Kohl) beschwichtigt und zugleich den Ostdeutschen die Tür zur EU geöffnet.

Solche Sozialpolitik hat sich selten zu erkennen gegeben, aus Angst vor dem Wähler. Das machte vieles unnötig komplizierter. Diese Union ist etwas noch nie Dagewesenes, und ihre Essenz ist schwer zu begreifen. Herkömmliche politische Analytik vermag dieses Gebilde – Staatenbund? Bundesstaat? Superstaat? – nicht zu erfassen. Montesquieu lebte eben im mechanischen Zeitalter, da sah manches einfacher aus. Wir hingegen sind groß geworden mit der Quantenmechanik und lassen uns vom Atom bis zum Universum die Welt von komplexen Theorien deuten, die gut passen zum verwinkelten Bau von "Brüssel".

Binnenmarkt pur? Dieser Markt wurde von Anfang an in politischer Absicht errichtet. Ultraliberal, wie die französischen Neinsager behaupten, geriet er dabei nie. Sehr wohl aber taugte er als Gegengift für einen alteuropäischen Protektionismus, von den Zöllen bis zu den Staatsmonopolen, der bis heute nicht gänzlich ausgerottet ist. Und was war dieser protektionistische Reflex anderes als die ökonomische Spielart des Nationalismus?

Le nationalisme, c’est la guerre, Nationalismus bedeutet Krieg. Mit dieser Warnung verabschiedete sich der todkranke François Mitterrand vom Europäischen Parlament. Das Gegenteil des Nationalismus ist eine Politik der Teilhabe, am Binnenmarkt mit seinen Freiheiten und seinem Wettbewerb, am EU-Budget und seiner sozial-regionalen Umverteilung, an gemeinsamen Institutionen, in denen direkt gewählte Volksvertreter neben bezahlten Beamten und entsandten Regierungsvertretern arbeiten.

Das alles ist entgegen einem verbreiteten Missverständnis weniger postnational als postnationalistisch erdacht. Nichts davon ist perfekt, und manches daran wird dieser Tage zum Ziel teils nötiger, oft auch ungerechter Kritik. 100 Milliarden Euro gibt diese Gemeinschaft der 455 Millionen Menschen jährlich fürs gemeinsame Tun aus, netto schießt Deutschland gut sieben Milliarden Euro mehr ein, als es herausbekommt, macht also nicht mal neunzig Euro pro Bundesbürger. Wo kann man für den Tarif heute noch, sagen wir, Tennisspielen oder Töpfern?

Mit diesem Europa ist kein Staat zu machen? Gut so, denn ein Staat ist die Union so wenig wie nur ein Markt. Grenzübergreifend wird hier Politik erarbeitet, auf neuartige Weise. Wenn es dafür noch eines Beweises bedurfte, dann lieferten ihn die beiden Referenden und die Reaktion darauf in ganz Europa. Es gibt keine europäische Öffentlichkeit? Ach wo. Die Franzosen haben die soziale Frage gestellt, die Niederländer mehr Gerechtigkeit eingefordert. Alle haben zugehört, mitgezittert, fast wie bei der Champions League. Und Tony Blair fordert nun die Anpassung des Sozialmodells. Aparterweise führt das den Liberalen Blair und die antiliberalen non- Sager auf denselben Weg. Auch in dieselbe Richtung?

Die Diskussion ist eröffnet, die soziale Frage nach der Solidarität – wie viel davon und wie, und wer entscheidet? – klar gestellt.