Der Krieg der USA gegen den Irak Saddam Husseins hat die strategische Lage im Nahen und Mittleren Osten tiefgreifend erschüttert, und die mittel- und langfristigen Konsequenzen sind auch gegenwärtig immer noch schwer absehbar. Unbeschadet der früheren Differenzen um die Kriegsgründe und die eigentlich entscheidende Frage, ob der Krieg als Mittel zur regionalen Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens zulässig war und in seinen Folgen begrenzbar und beherrschbar bleibt, geht es angesichts der neu geschaffenen Fakten im Irak nur noch um die Option Erfolg, nämlich dass die von den USA angeführte Intervention im Irak nicht scheitern darf, sondern dass im Gegenteil eine demokratische Stabilisierung und Bewahrung der territorialen Integrität des Iraks trotz des anhaltenden Terrors gelingen wird. Denn den Preis für ein Scheitern hätte neben der Region auch der gesamte Westen, gleich, ob Kriegsbefürworter oder Kriegsgegner, zu entrichten, und dies träfe vor allem auf Europa als direkten regionalen Nachbarn des Krisengebiets zu.

Die USA sind durch die militärische Einnahme Bagdads und den Sturz der Diktatur Saddam Husseins zur entscheidenden Macht im Zentrum des Nahen und Mittleren Ostens geworden, und sie werden aus dieser Rolle ohne eine langfristige und erfolgreiche Umgestaltung dieser gefährlichen und großen Region nur noch um einen unverhältnismäßig hohen Preis herauskommen können. Ein Vakuum im Irak – und dies kann man am Beispiel Afghanistans nach dem Abzug der Roten Armee und dem daraufhin ebenfalls erfolgten Rückzug der USA sehr genau studieren – würde das Land dauerhaft destabilisieren, seine territoriale Integrität gefährden und die regionalen Mächte zur Einflussnahme und zur Ausfüllung dieses Vakuums einladen. Die Konsequenzen wären für das Land und die gesamte Region sehr negativ, wie erneut das Beispiel Afghanistan in den neunziger Jahren beweist. Der Sturz Saddams durch die USA hat im Irak die Kurden und die Schiiten, die Opfer der Diktatur, zu den Gewinnern des von außen herbeigeführten Regimewechsels gemacht, und unter den regionalen Nachbarn waren die Gewinner des Irak-Krieges vor allem Israel und Iran.

Für Israel wurde durch den Sturz Saddams die potenzielle Bedrohung durch die irakische Armee erledigt, die arabische "Ablehnungsfront" verlor eine weitere Bastion, und der mögliche militärische Druck auf die Jordangrenze wurde dadurch verringert. Einen noch größeren Zugewinn auf der Habenseite seines strategischen Kontos konnte jedoch Iran verbuchen. Und genau aus dieser Tatsache könnte das Risiko einer folgenschweren Fehlkalkulation für die zukünftige iranische Politik entstehen, indem sie die regionalen Kräfteverhältnisse falsch kalkuliert. Iran entledigte sich durch die militärische Intervention der USA in Afghanistan und im Irak ohne eigenes Zutun zweier für ihn hochgefährlicher Regime in unmittelbaren Nachbarstaaten. Vor allem Saddam Hussein hatte mittels eines jahrelangen Angriffskrieges in den achtziger Jahren Iran schwerste Verluste an Menschen und Sachwerten zugefügt. Die Todfeindschaft gegenüber Saddam und der Wunsch nach seinem Sturz waren deshalb in Teheran sogar noch weitaus stärker ausgebildet als in Washington. Mittels freier Wahlen wird zudem eine schiitische Mehrheit für eine Iran freundlich gesinnte Regierung im Irak sorgen, und auch die Kurden unterhalten enge Beziehungen zu Teheran.

Langfristig gedacht, könnte aus iranischer Sicht dadurch sowohl in Richtung Golf als auch über Syrien bis hin zum Libanon ein schiitisch dominierter und iranisch beeinflusster strategischer Halbmond entstehen, der eines Tages Iran, verbunden mit der Beherrschung der Nukleartechnik und anspruchsvoller Trägersysteme, eine mehr oder weniger diskrete hegemoniale Rolle in der gesamten Region ermöglichen würde. Hinzu kommt noch ein wachsender Einfluss Teherans auf die radikalen Kräfte unter den Palästinensern, da Iran zunehmend die Rolle der zahlenmäßig immer geringer und machtpolitisch immer schwächer werdenden arabischen "Ablehnungsfront" zu übernehmen scheint. Denkt man diese Option zu Ende, so zeichnet sich allerdings in einer nicht allzu fernen Zukunft die Gefahr eines Konflikts mit der neuen nahöstlichen Zentralmacht USA um die regionale Hegemonie ab, und diese Entwicklung, so sie nicht gebremst oder gar in eine positive Richtung umgelenkt wird, beinhaltet ganz erhebliche Risiken.

Dies wird vor allem dann der Fall sein, wenn Iran der Fehleinschätzung unterliegen sollte, dass seit dem 11. September 2001 die strategischen Karten in der Region zu seinen Gunsten neu verteilt worden seien. Zwar ist Iran mittlerweile nahezu vollständig von den USA umringt: im Norden in Aserbajdschan und in anderen zentralasiatischen Republiken, im Osten in Afghanistan, im Westen im Irak – und im Persischen Golf liegt einsatzbereit die amerikanische Flotte. Gleichwohl könnte man in Teheran dem Irrtum unterliegen, zu meinen, die USA würden im Irak, in Afghanistan und anderswo mehr vom guten Willen Irans abhängen als umgekehrt und dass man notfalls der symmetrischen militärischen Übermacht der USA auf der asymmetrischen Ebene mehr als genug entgegenzusetzen habe. In solchen möglichen strategischen Fehlkalkulationen liegt ein brisantes Eskalationspotenzial, denn wenn die Entwicklung auf die hegemoniale Entscheidungsfrage hinauslaufen sollte, wer zukünftig im Nahen und Mittleren Osten das Sagen haben wird, Iran oder die USA, dann wird der Ausgang gewiss sein. Ein Rückzug aus dem Nahen und Mittleren Osten wird für die Weltmacht USA niemals infrage kommen.

Die USA sind auch nach dem Ende des Kalten Krieges durch ihre strategischen Interessen am Golf und auf der arabischen Halbinsel sowie durch ihre Allianz mit Israel dauerhaft in der Region gebunden. Seit dem 11. September 2001 und mit der Besetzung des Iraks kam noch ein drittes strategisches Interesse hinzu, nämlich der Kampf gegen den Dschihad-Terrorismus und, als Konsequenz daraus, das langfristige Interesse an einer demokratischen Transformation der gesamten Region, um dadurch nachhaltig eine zukünftige terroristische Bedrohung der USA auszuschließen. Dem Grunde nach teilt Europa diese strategischen Interessen, auch wenn es anderen Methoden und Instrumenten den Vorzug gibt. Dennoch überwiegen gerade in der grundsätzlichen strategischen Analyse wie auch in dem langfristigen Transformationsansatz die innerwestlichen Gemeinsamkeiten.

Jenseits der gemeinsamen strategischen Interessen des Westens aber bleibt aus europäischer Sicht ein wichtiger geopolitischer Unterschied, der das europäische Interesse gegenüber den Entwicklungen in dieser Region sogar noch verstärkt: Die EU und der Nahe und Mittlere Osten sind direkte Nachbarn, und deshalb hat Europa, anders als die USA, an den dortigen Entwicklungen ein fast schon existenziell zu nennendes sicherheitspolitisches Eigeninteresse. Eine mögliche Nuklearisierung der Region, verbunden mit weitreichenden Trägersystemen, und ein sich verstärkender Terrorismus sind Bedrohungen, die vor allem Europa als direkten Nachbarn gefährden werden, jenseits der unmittelbar betroffenen regionalen Mächte, an deren erster Stelle gewiss Israel zu nennen ist.