Vorfahrt für Arbeit" heißt es in diesen Tagen in fast jeder politischen Talkshow, und meist konstatieren die Beteiligten: Die Löhne in Deutschland sind viel zu hoch, insbesondere für geringer Qualifizierte, weshalb sich die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe konzentriere. Mindestlöhne verhelfen Ungelernten und Aushilfskräften nicht zu einem höheren Einkommen, sondern sorgen dafür, dass sie ihren Job verlieren. Bundesweite Lohnuntergrenzen sind deshalb Gift für die Beschäftigung. Stattdessen brauchen wir zur Wiederbelebung des Arbeitsmarktes weitere Lohnsenkungen. So hört man es allenthalben.

Warum sind sich einige Ökonomen so sicher, dass Lohnsenkungen Jobs schaffen und Mindeslöhne die Beschäftigung mindern?

Ihrer Argumentation liegt folgender Gedankengang zugrunde: Nach (neo-)klassischer Wirtschaftstheorie werden Beschäftigte stets entsprechend ihrer Leistung bezahlt. Wer viel zum Erfolg eines Unternehmens beiträgt, bekommt viel Geld; wer wenig dazu beiträgt, erhält wenig Geld. Demnach ist die Welt der Löhne in Ordnung, weil der Markt immer für die richtigen Löhne sorgt, solange der Staat nicht eingreift. Der Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann und der Daimler-Chef Jürgen Schrempp kassieren Millionen, weil sie Hochleistungen erbringen. Pförtner oder Hilfsarbeiter erhalten einen niedrigen Lohn, weil sie nur in geringem Maße zum Unternehmenserfolg beitragen. Unternehmen zahlen Löhne nach Leistung, keinen Cent mehr und keinen Cent weniger.

Will man die gering Qualifizierten in Arbeit bringen, so hilft nach dieser Auffassung nur ein geringerer Lohn. Staatlich verordnete Lohnuntergrenzen, sprich: Mindestlöhne, wären hingegen fatal. Sie würden gerade die gering Qualifizierten aus den Jobs hinausdrängen. Reicht der beschäftigungssichernde vom Markt bestimmte Lohn nicht für die Existenzsicherung, dann müsse, so die Argumentation, der Staat den Betroffenen einen Zuschuss, eine Lohnsubvention zahlen.

Unterstützt wird diese Argumentation gern durch anekdotische Beispiele wie den beliebten Hinweis auf "das amerikanische Beschäftigungswunder". Doch hier beginnen schon die Zweifel. Marktapologeten behaupten gern, dass die in den Vereinigten Staaten nach unten flexiblen Löhne die Ursache des rasanten amerikanischen Beschäftigungswachstums seien. Ein Blick auf die Fakten zeigt: Weit gefehlt. In Amerika stieg die Beschäftigung in den vergangenen Jahren ganz unabhängig von der Lohnposition, und auch in den USA sind vor allem die gering Qualifizierten von Arbeitslosigkeit betroffen. Vor allem aber: In Amerika existiert schon seit fast 70 Jahren eine landesweite Lohnuntergrenze. Der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt führte den gesetzlichen Mindestlohn schon 1938 ein, um den ruinösen Lohnwettbewerb bei hoher Arbeitslosigkeit zu begrenzen. "A fair day’s pay for a fair day’s work", lautete damals das Motto.

Genau wie heute in Deutschland war es in Amerika lange Zeit gängige Meinung, dass solche Fairness zulasten der Beschäftigung gehe. Noch 1990 meinten 63 Prozent der amerikanischen Ökonomieprofessoren, jede Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes erhöhe die Arbeitslosigkeit. Zehn Jahre später waren es nur noch 43 Prozent. Denn die Princeton-Professoren Alan Krueger und David Card hatten nachweisen können, dass selbst Erhöhungen des Mindestlohnes um 20 Prozent keinen Beschäftigungsverlust zur Folge hatte.

Wieso das? Warum lässt ein steigender Mindestlohn die Beschäftigung nicht sinken, wenn doch die Unternehmen streng nach Leistung entlohnen?

Wahrscheinlich weil sie es eben nicht tun. Unternehmen neigen dazu, insbesondere gering qualifizierten Arbeitskräften Löhne unterhalb des Leistungsniveaus zu zahlen. Es liegt in der Logik einer kapitalistischen Marktwirtschaft, dass gewinnmaximierende Unternehmen die Löhne möglichst niedrig halten. Denn diese sind nicht naturgesetzlich vorgegeben, sondern werden ausgehandelt, und die Verhandlungsmacht variiert mit der Arbeitsmarktsituation. Das ist der Kern neuerer Arbeitsmarkttheorien.