Der irische EU-Kommissar Charlie McCreevy nimmt selten ein Blatt vor den Mund. "Wir müssen endlich wieder den Draht zu den normalen Bürgern finden. Denen sind EU-Ausschüsse, transatlantische Dialoge oder so was wie Gleichberechtigungsbehörden ziemlich egal. Sie wollen anständig verdienen, ein paar Bier kaufen können, Fußballspiele gucken und ein bisschen Sex haben", kommentierte er am Wochenende salopp das Elend Europas. Und dann fügte er schmunzelnd hinzu: "Manchmal brauchen die Politiker und Bürokraten einen Schubs."

Ein Schubs für Europa? Eine Woche nach dem französischen non und dem niederländischen nee ringen sich die Eliten in Brüssel, Berlin, Paris und Den Haag allmählich dazu durch, das Votum der Bürger nicht einfach zu ignorieren. Zumindest eine "europäische Inventur", wie Bundespräsident Horst Köhler sie am Wochenende forderte, scheint unausweichlich zu sein. Schließlich richtete sich die Revolte, so die französische Zeitung Le Monde, "gegen eine Union, die zu schnell ist, zu teuer und die zu weit geht". Nur, wie könnte eine langsamere, billigere und weniger weitreichende Union aussehen?

Weniger Regulierungen vom Europa der Eurokraten

Die Krümmung der Gurke, die Sicherheit der Traktorensitze oder die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen bei gleichzeitiger Subventionierung des Tabakanbaus – solch absurde Regeln und Politiken haben den Ruf der EU beschädigt. Würde Europa in anderen Bereichen funktionieren, wäre das ein Stoff für harmlose Witze. Doch nun regiert die Krise. Europa muss handeln und – man höre und staune – tut es bereits.

Seit dem Amtsantritt der neuen Kommission muss tatsächlich jeder Beamte seine Gesetzesvorschläge begründen, ihre Kosten für Bürger oder Unternehmen beziffern. Die Folge: Es gibt kaum noch neue Richtlinien, die umstrittene Dienstleistungsrichtlinie ist ein Erbstück der vormaligen Kommission. Als Nächstes will der zuständige Kommissar Günter Verheugen auch die bereits rechtskräftigen Regeln überarbeiten, vereinfachen und gegebenenfalls streichen. Das sei ein "Projekt wie ein Kölner Dom", sagt er, das sich zudem nur sehr langfristig lohne. Es wird wahrscheinlich Jahre dauern, ehe wir merken, dass Europa nicht mehr nervt.

Weg mit Subventionen und Sonderrabatten

Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker setzt auf eine andere, schnellere Therapie. Er will Niederländer und Deutsche, die sich bisweilen als die Zahlmeister Europas fühlen, mit einem sparsamen EU-Haushalt besänftigen. Schon in der kommenden Woche sollen die Regierungschefs auf ihrem Gipfel über den EU-Finanzplan von 2006 bis 2013 entscheiden. Was technisch klingt, ist hoch politisch. Jetzt wird auf Jahre hinaus entschieden, wie und wo die Bürger die EU spüren werden. Bisher schien ein Kompromiss unerreichbar, doch mit der Krise wachsen die Chancen. Sparen allein reicht allerdings nicht. Nach den letzten Vorschlägen der luxemburgischen Präsidentschaft soll nämlich ausgerechnet bei den modernen Politikfeldern wie Außenpolitik und Forschungsförderung der Rotstift angesetzt werden. Der Agrarhaushalt gilt auf deutsch-französischen Wunsch als unantastbar, obwohl Milchseen und Zuckerberge, die in die Dritte Welt entsorgt werden und dort die Märkte zerstören, jedem Europaskeptiker anschauliche Argumente bieten. Würden Schröder und Chirac die absurden Subventionen kappen, nähme das den Briten das wichtigste Argument für ihren ärgerlichen Sonderrabatt; sie zahlen weniger, als sie eigentlich müssten. Dann hätten die Europäer einen echten Grund zur Freude.

Der Traum vom sozialen Europa im Realitätstest