Rueil-Malmaison auf halbem Wege zwischen Paris und Versailles zählt nicht gerade zu den sozialen Brennpunkten Frankreichs. Das üppig begrünte Städtchen, in dem das Lustschloss von Napoleons erster Frau Joséphine steht, hat 74.000 Einwohner, die tagsüber großteils in Paris arbeiten und abends ihre Vorgärten pflegen. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt mit 35.000 Euro um ein Drittel über dem Landesdurchschnitt, die Arbeitslosigkeit mit sieben Prozent um ein Drittel darunter. Und beim Referendum zur EU-Verfassung stimmten 67 Prozent der Wähler mit Ja.

Doch Rueil-Malmaison ging es nicht immer so gut. Bevor die Kommune den Beweis antreten konnte, dass Wohlstand auch europafreundlich macht, musste sie erleben, wie schwierig es ist, Auswege aus der Arbeitslosigkeit zu finden. Schon 1989 hatte der Ort mit dem Experiment eines kommunalen Job-Centers namens Maison de l'Emploi begonnen. Damals lag die Arbeitslosenquote so hoch wie im übrigen Frankreich. Heute gilt Rueil-Malmaison als Musterstadt.

"Wir betreuen vor allem die Schwächsten und kümmern uns auch um die Qualität der Arbeit und den Lohn", sagt Marie-Pierre Establie, die Leiterin des Arbeitsamtes von Rueil-Malmaison. Die 49-Jährige zieht eine dicke Computerliste hervor. Darauf haben ihre Kollegen vom staatlichen Arbeitsamt in endlosen Kolumnen die Namen von Jobsuchern mitsamt der offenen Stellen verzeichnet - eine Art Grabinschrift auf Endlospapier, aber kein Werkzeug für Vermittler. Kein Wunder, dass viele Arbeitslose nur noch alle sechs Monate zum Pflichttermin auf dem staatlichen Arbeitsamt erscheinen - während sie das kommunale Maison de l'Emploi im Wochenrhythmus besuchen, bis sie eine Anstellung finden.

Obwohl längst auch die Arbeitgeber ihre Stellen lieber hier als im staatlichen Zentralamt ausschreiben, gewähren die Behörden dem kommunalen Arbeitsamt noch immer keine umfassenden Kompetenzen. Bislang sind Kommunen für Sozialhilfe zuständig, Départements für Überbrückungsgelder, Regionen für Umschulungen und der Nationalstaat mitsamt Sozialpartnern für das Arbeitslosengeld. Diese Parallelstrukturen sollen eines Tages in den kommunalen Häusern für Beschäftigung zusammengefasst werden. Ehe das flächendeckend geschieht, wird noch viel Wasser die Seine herunterfließen. Wer nach den Protestwählern sucht, die am 29. Mai nein zu Europa sagten, muss in die Arbeiterviertel von Marseille oder die Neubausiedlungen von Calais gehen. Im Nordosten Frankreichs sowie im Mittelmeerraum, wo die meisten Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger leben, gab es auch die meisten Nein-Stimmen. Dagegen weisen die wirtschaftlich starken Regionen an der Atlantikküste, in Zentralfrankreich sowie im Großraum Paris ein klares Übergewicht der Ja-Stimmen aus.

"Gegen die Arbeitslosigkeit haben wir alles versucht"

Selbst hier ist der Vorsprung allerdings merklich geschmolzen. Die Arbeitsvermittler drohen das Wettrennen gegen die wachsende soziale Not zu verlieren. Bisher musste man sich um Frankreich kaum sorgen: Mit nur einem Prozent der Weltbevölkerung erwirtschaftet das Land fünf Prozent des weltweiten Sozialprodukts, es wird für seine international erfolgreichen Auto-, Pharma- und Luxusgüterkonzerne geschätzt und bleibt weltweit das erste Reiseziel. Doch während die Wettbewerbsfähigkeit nach außen gewachsen ist, ist die Stabilität im Inland ernstlich gefährdet.

Kaum ein anderer Industriestaat muss schon so lange mit hoher Arbeitslosigkeit leben. 1983, fast zehn Jahre bevor es in Deutschland geschah, überschritt die Arbeitslosenquote die Zehn-Prozent-Grenze. Seither führt halb Frankreich die resignative Formel des ehemaligen Präsidenten François Mitterrand im Munde: "Gegen die Arbeitslosigkeit haben wir alles versucht." Doch nach dem Schock des 29. Mai stellen sich Politiker und Ökonomen die Frage, ob ihr gepriesenes modèle français , das Beschäftigten einen maximalen Schutz gewährt, nicht zu teuer erkauft ist - weil zwar Jobs und Kaufkraft einer Mehrheit gesichert werden, aber eine große Minderheit in die Dauerarbeitslosigkeit abrutscht. Seitdem der mit einer Billion Euro verschuldete Staat seine Versprechen nicht mehr halten kann, bekommen nicht nur Kranke, Alte und Rentner, sondern vor allem Arbeitslose deutlich weniger Hilfe. Die durchschnittliche Arbeitslosenunterstützung beträgt mit 8000 Euro jährlich nur die Hälfte dessen, was ein EU-Spitzenreiter wie Österreich zahlt. Trotzdem versprach Staatspräsident Jacques Chirac kürzlich, seine umbesetzte Regierung unter Premier Dominique de Villepin werde auf den Wutausbruch der Wähler reagieren und das modèle français renovieren.