Herpesviren sind perfekt angepasste Parasiten, die uns ein Leben lang begleiten. Dabei gehen sie Millionen Menschen richtig auf die Nerven. Denn nach dem ersten Krankheitsschub verstecken sich die Viren im Nervensystem. Dort ruhen sie, bis das Immunsystem wegen anderer Krankheiten, Stress oder Alter Schwächen zeigt. Dann entpuppen sich die Schmarotzer als Quälgeister, und Lippenherpes zum Beispiel verursacht schmerzhafte Bläschen. Auch das eng verwandte Varicella-Zoster-Virus (VZV) nistet in Nerven. Fast jeder trägt es in sich, bei Kindern löst es Windpocken (Varicella) aus. Jahrzehnte später führt es zu schmerzhafter Gürtelrose.

Gegen Windpocken kann man wirksam impfen – warum damit nicht auch gegen die Gürtelrose (Zoster) vorbeugen, die vor allem älteren Menschen das Leben vergällt? Ebendas scheint nun zu gelingen. Fünfzig Wissenschaftler unter der Führung von Michael Oxman aus San Diego berichteten im New England Journal of Medicine (Bd. 352, S. 2271), eine verstärkte Variante des bewährten Kinderimpfstoffs biete auch älteren Menschen beachtlichen Schutz vor diesen Nervensägen.

Mehr als drei Jahre dauerte die Studie, die 38546 Personen im Alter von 60 und mehr Jahren umfasste. Die Hälfte der Senioren erhielt eine unwirksame Spritze, die andere Hälfte den Impfstoff (Typ Oka von Merck) in verschieden hohen Dosierungen. Diese waren etwa 20-mal so hoch wie bei der millionenfach bewährten, aus Japan stammenden Oka-Vakzine, die auf einem abgeschwächten, aber lebenden Virus beruht.

Obwohl die Impflinge im Durchschnitt 69 Jahre, etliche gar mehr als 80 Jahre zählten, vertrugen sie die Injektion von 0,5 Milliliter Flüssigkeit problemlos. Und sie hat sich gelohnt: Vergleicht man die beiden Gruppen, litten von den Probanden, die zufällig den echten Impfstoff abbekommen hatten, nur halb so viele an einer Gürtelrose. Selbst wenn eine geimpfte Person erkrankte, tat der Stoff gute Dienste: Die Schmerzen waren durchschnittlich um etwa 60 Prozent geringer als bei Erkrankten in der Kontrollgruppe. Und die Häufigkeit der schlimmsten Spätfolge einer Gürtelrose, der Postherpetischen Neuralgie, war sogar auf ein Drittel reduziert.

Diese Neuralgie tritt mit zunehmendem Alter immer häufiger auf. Sie ist teilweise mit heftigen Schmerzen verbunden, die mehr als ein Jahr andauern können, auch wenn die Gürtelrose und ihre typischen Bläschen längst verschwunden sind. Offenbar verletzen die Viren neben der Haut auch die Nerven, die dann extrem überempfindlich reagieren können. Schon der leichte Kontakt mit einem Kleidungsstück, ein Luftzug oder ein geringer Temperaturwechsel schmerzt. Allodynie heißt dieses Phänomen, das manch alten Menschen quält und ihn als Hypochonder in Verruf bringt, da keine sichtbaren Verletzungen vorliegen.

Noch ist der Impfstoff gegen die Gürtelrose von der US-Arzneimittelbehörde nicht zugelassen. Die Autoren der Studie warnen davor, einfach mit der gebräuchlichen Kindervakzine vorbeugen zu wollen. Das natürlicherweise schwächere Immunsystem älterer Menschen erfordert offenbar einen wesentlich stärkeren Reiz als die Krankheitsabwehr von Kindern.

Während in Japan oder den USA bereits seit vielen Jahren routinemäßig gegen Windpocken geimpft wird, herrscht in Deutschland eher Skepsis. Erst vor einem Jahr empfahl die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts, künftig genauso umfassend gegen diese Kinderkrankheit vorzugehen wie gegen Masern, Mumps und Röteln. Immerhin erkranken jährlich mehr als 700.000 Kinder daran. Den erhofften Vierfachimpfstoff, der allen vier Krankheiten gleichzeitig vorbeugt, gibt es bisher nicht. Außerdem wollen manche Krankenkassen die Impfung gegen VZV noch nicht bezahlen.