Gewiss, das blaue Buch war umsonst, also kostenlos. Das wäre die Einschränkung, die den Skeptikern zuliebe zuerst zu erwähnen ist. Aber, Gegenargument, dafür umfasst es 540 Seiten, und wer trüge schon nur der Kostenlosigkeit wegen solch einen Batzen bei 30 Grad Celsius stundenlang durch die schattenlosen Betonmeilen eines Kirchentags? Werte Skeptiker, das muss auch am Buch liegen.

Über einen guten Roman, der sich 10.000-mal verkaufen ließe, unter Mitwirkung von Medien und Werbung, wäre jeder Verlag selig, und dass ein wissenschaftliches Sachbuch wie Hitlers Volksstaat, vom Historiker Götz Aly verfasst, in den drei Monaten seit seinem Erscheinen etwa 30.000fach über den Tresen ging, darf als außerordentlicher Erfolg aller Beteiligten angesehen werden.

Aber dieser Batzen Buch, der sich in Hannover beim Evangelischen Kirchentag unter den Besuchern verbreitete wie der Sonnenbrand, hat es in nur vier Tagen auf 20.000 Exemplare gebracht, und keines davon wurde in einem Papierkorb gesehen. In den Hallen des Messegeländes saßen auf einmal Leser, auf den Rasenflächen drum rum lagen Ermattete lesend, in den U-Bahnen desgleichen: schwitzende Leser. Der Heilige Geist in Ehren, das Interesse an diesem Buch muss als Zeichen für die politische Wachsamkeit des protestantischen Völkchens gelten. Der Casus ist also der Rede wert. Zumal das Buch in bloß zwei Monaten eilends entstand, in einer gedruckten Auflage von 50.000, nur von ehrenamtlichen Figuren ins Werk gesetzt, ohne Verlag und professionelles Lektorat. Geht also auch. Pünktlich zum Kirchentag lag es, zu blauen Bergen gehäuft, aus. Der vermeintlich so übersättigte Buchmarkt hat offenbar Lücken.

Die Impulse für eine Welt in Balance , zum Buch zusammengetragen von einer Gruppe aus Wissenschaftlern, Ökonomen, Politikern, Kirchenleuten, die sich Global Marshall Plan Initiative nennt, möchten im Grunde nur eins: Weil eine Welt aus den Fugen ist, in der 30000 Kinder täglich an Hunger, dreckigem Wasser und Elendskrankheiten sterben, während jeden Tag 2,84 US-Dollar für die Subventionen einer europäischen Kuh aufgebracht werden, muss ein neues Gleichgewicht her – und zwar, indem die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für das Jahr 2015, unterzeichnet von 191 Ländern, endlich umgesetzt werden.

Das wär’s schon. Dieser postpfingstliche Band (zu beziehen über www.globalmarshallplan.org ) tut nichts anderes, als Experten aus aller Welt, von Ervin Laszlo über Vandana Shiva, Shalini Randeria und Wolfgang Sachs bis zu Wangari Maathai, Prinz El Hassan bin Talal und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Vorschläge vortragen zu lassen, die diesem Ziele dienlich sind. Und rührt irgendwie auch Angela Merkel und Frank Bsirske hinein. Geschenkt also, werte Skeptiker, das Buch enthält auch Wohlfeiles, zum Überblättern. Aber wer eine erstaunliche Koalition von Autoren kennen lernen will, hat hier mal ein Buch für die Welt. Umsetzung folgt?