Berlin

Eine "putzmuntere Opposition" wollen die Grünen im neuen Bundestag spielen. So jedenfalls hat es gerade Bärbel Höhn angekündigt. Das klingt ein wenig schräg. Zum einen, weil man sich doch in den vergangenen zehn Jahren an eine putzmuntere nordrhein-westfälische Umweltministerin Höhn gewöhnt hatte. Zum andern aber auch, weil der Letzte, der mit der Formel von der "putzmunteren Opposition" den Schock des Absturzes verbergen wollte, Guido Westerwelle hieß. Bekanntlich konnte seine Partei das Versprechen von 1998 bis heute nicht einlösen.

Immerhin haben sich die Grünen, zwei Wochen nach dem Neuwahl-Überfall, von allen illusionären Wahlzielen verabschiedet. Eine realistische Machtoption für den Herbst hat die Noch-Regierungspartei nicht mehr. Die Idee einer Fortsetzung der rot-grünen Koalition ist so hypothetisch, dass sich darauf kein Wahlkampf gründen lässt. Stattdessen müssen die Grünen nun eine attraktive Vorstellung ihrer künftigen Oppositionsrolle entwickeln. Andernfalls könnte ihnen sogar Schlimmeres drohen als der Absturz aus der Regierung: der in die außerparlamentarische Opposition.

Zwischen 4,9 und 10 Prozent liegt die Spanne dessen, was die Grünen im Herbst erreichen können. Geht es nach den Umfragen, müssen sie sich keine allzu großen Sorgen machen. Doch die Situation seit dem 22. Mai ist zu unübersichtlich, als dass sich die Grünen schon beruhigen könnten. Wie so oft in den letzten zwei Jahren wirken sie auch jetzt wie der stabilere Teil von Rot-Grün. Erneut profitieren sie von der Erosion der SPD – und von den anti-grünen Tönen, mit denen manche Genossen ihren Frust über den bevorstehenden Machtverlust zu verarbeiten suchen.

In solche Trennungsscharmützel hinein hat die grüne Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt einen beruhigend-aufregenden Satz gesprochen: Es gelte nun, "Rot-Grün ohne Chaos zu Ende zu bringen". Das liegt sicher im Interesse der scheidenden Partner. Aber in dem Satz schwingt auch etwas Grundsätzliches mit. Für die Grünen geht mit Rot-Grün die einzige Form des Regierens zu Ende, die sie bislang ausprobieren konnten. Die Zäsur ist tiefer, als es der Wechsel von der Regierung in die Opposition ausdrückt. Den Grünen fehlt solche Routine.

Natürlich wird die Partei im Wahlkampf auch ihre rot-grüne Bilanz ziehen. Und sie wird sicherlich nicht geizen, die grünen Erfolge herauszustreichen. Das garantiert ja schon das Wahlkampfteam mit Spitzenkandidat Joschka Fischer, den Noch-Ministern Künast und Trittin, den Partei- und Fraktionsvorsitzenden, die nun noch durch die Geschäftsführer von Fraktion und Partei, Volker Beck und Steffi Lemke, ergänzt wurden. Die Botschaft ist eindeutig: Kontinuität, Egalität und ein bisschen Langeweile. Dass sich alle, die man ohnehin schon kennt, nun gleichberechtigt hinter Fischer versammeln, dient auch dem Zweck, den Machtkampf um seine Nachfolge noch für eine Weile zu verschieben. Der wird erst nach der Wahl mit dem Kampf um die rar gewordenen Führungspositionen beginnen. Fürs Erste aber soll der bevorstehende Rollenwechsel in personeller Hinsicht nichts bedeuten.

Und inhaltlich? Da haben die Grünen mehr zu verlieren als ihre Sessel. Sie müssen ihre Ansprüche schärfen, ja ihren ökologischen Moralismus erneuern, ohne sich auf den Kurs einer Refundamentalisierung in der Opposition zu begeben. Etwas vom Verantwortungsethos des Regierens muss bleiben. Ob die Grünen diese Herausforderung annehmen oder sich auf bequem-populistisches Opponieren zurückziehen, wird sich auch darin zeigen, wie sie zu den Sozialreformen ihrer Regierungszeit stehen werden. Vielleicht ist die Sehnsucht bei den Grünen weniger stark ausgeprägt als bei der SPD, sich von den unpopulären Seiten des Regierens zu verabschieden, doch ausgetragen ist die Debatte noch nicht.

Mit Marek Dutschke, dem Sohn des Studentenführers Rudi Dutschke, hat sich gerade ein junger Hoffnungsträger der Partei für eine radikale Kurskorrektur ausgesprochen. Auf der anderen Seite des grünen Generationenspektrums propagiert Daniel Cohn-Bendit die Zukunft der Grünen im konsequenten Ausdefinieren ihrer libertären Traditionen. Aber beide Ansätze verschärfen die existenzielle Frage an die Grünen: wie sie sich künftig von zwei linken und einem liberalen Konkurrenten unterscheiden wollen, wenn sie sich selbst in erster Linie links und libertär definieren.