Im westfälischen Städtchen Hemer gärt die Wut. Der Armaturenhersteller Grohe steckt in Schwierigkeiten, und keiner weiß genau, warum. Von "strukturellen Schwächen" des Unternehmens spricht der Vorstand, von der Notwendigkeit, "die Zukunft Grohes langfristig zu sichern". Die Schließung des Schwesterwerks im brandenburgischen Herzberg mit 300 Mitarbeitern ist sicher, einem internen Gutachten zufolge könnten bis zu 3000 der 4600 Stellen in Deutschland abgebaut und ins Ausland verlagert werden. Entsprechend groß ist die Angst der Mitarbeiter. Auf einer Betriebsversammlung erntete selbst der Betriebsrat Pfiffe. Auch die Gespräche zwischen Arbeitnehmern und Vorstand am Dienstag dieser Woche verliefen zäh. Fürs Wochenende sind erneut Proteste in Hemer und am Standort Lahr angekündigt.

Vor gut einem Jahr redete man in Hemer noch vom Börsengang. Grohe erzielte ein Betriebsergebnis von knapp 185 Millionen Euro, machte fast 885 Millionen Euro Umsatz. Gute Zahlen für ein Unternehmen, das Wasserhähne, Duschköpfe und Sanitärsysteme herstellt. Und nun?

Weil es sich bei Grohes Eigentümern um zwei Finanzinvestoren handelt, die amerikanische Texas Pacific Group (TPG) und eine Tochtergesellschaft der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB), überschlagen sich die Gerüchte, Verdächtigungen und Erklärungen. Wird hier eine profitable Firma, ein weltweit führendes Unternehmen seiner Branche, von gierigen Investoren kaputtgemacht? Und passt nicht zur Heuschreckenschelte von SPD-Chef Franz Müntefering , dass der Firmensitz von Grohe in Münteferings politischer Heimat Nordrhein-Westfalen liegt?

Nur wenige Insider wollen reden, und die anonym. Wer ihnen zuhört, erfährt weniger eine Geschichte über "Heuschrecken" als über ein Unternehmen, das von der Globalisierung profitiert und zugleich Schaden nimmt. Es ist eine Geschichte über gute und schlechte Finanzinvestoren. Und darüber, dass die Deutschen die Arbeit dieser Investoren so wenig verstehen wie die aktuellen Eigentümer den deutschen Markt. "Sie machen das Richtige, aber sie machen es nicht richtig", sagt ein Kenner.

Grohe ist eine Geschichte über den deutschen Kapitalismus des Jahres 2005. Eine Geschichte, die drei Akte umfasst und im Jahr 1999 beginnt.

Drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht, mehr ist für die Macher nicht drin, drei Monate lang. Im Mai 1999 beginnen die Verhandlungen über den Verkauf von Grohe. Die Familie Grohe will aussteigen, sich in die Schweiz zurückziehen. Der britische Finanzinvestor BC Partners schickt ein Team aus seiner Hamburger Niederlassung in die Fabriken von Grohe nach Hemer und Lahr, sie sammeln Eindrücke und Zahlen, sprechen mit den Banken. Am 9. Juli wird im Handelsregister Frankfurt eine Verwaltungsgesellschaft eingetragen: Renata. Dahinter verbirgt sich BC Partners. Wenige Tage später geben die Eigentümerfamilien den Verkauf der Friedrich Grohe AG bekannt, deren Wurzeln bis 1936 zurückreichen. Der Käufer: Renata, aus der später die Grohe Holding in Hemer wird.

Ein Mythos ist geboren, der sich bis heute durch Grohes Geschichte, aber auch jede Diskussion über Finanzinvestoren zieht. Der Mythos vom ausländischen Investor, der fernab in einem Steuerparadies residiert – BC Partners etwa sitzt auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal – und der kaum Geld ins Unternehmen steckt. Doch so einfach ist es nicht.