DIE ZEIT: Viele Bürger haben von der Europäischen Union offensichtlich die Nase voll. Brauchen wir weniger Europa?

Günter Verheugen: Nein. Wir brauchen nicht weniger Europa, sondern ein besseres.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Verheugen: Alle Umfragen zeigen, dass die Bürger in entscheidenden Bereichen nicht weniger Europa wollen, sondern mehr. Sie wollen mehr gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, damit wir endlich mit einer Stimme sprechen. Der Irak-Krieg hat das gezeigt. Sie wollen mehr gemeinsame Wirtschaftspolitik, damit die Währungsunion gestützt wird. Und sie wollen eine gemeinsame Innen- und Sicherheitspolitik, um besser gegen den Terror geschützt zu werden.

ZEIT: Dennoch wächst in den Mitgliedsländern das Gefühl, dass Europa zu viel reglementiert – und damit den Menschen, aber auch den Unternehmen das Leben unnötig erschwert.

Verheugen: Natürlich gibt es viele EU-Regeln. Aber weit über 90 Prozent beziehen sich auf den Binnenmarkt, sorgen für gemeinsame Standards und haben nationale Regeln ersetzt. Es ist schon merkwürdig, dass sich früher in Deutschland und anderen Mitgliedsstaaten niemand über bestimmte Vorschriften aufgeregt hat, seit diese aber aus Brüssel kommen, über zu viel Regulierung geschimpft wird. Dabei gibt es heute statt 25 nationaler Regeln oft nur noch eine. Und die betrifft den normalen Bürger zudem kaum. Oft sind es Produktstandards, die nur für die betreffenden Hersteller wichtig sind.

ZEIT: Die heftig umstrittene Feinstaub-Richtlinie betrifft jeden.

Verheugen: Und sie war doch richtig, oder? Die Gesundheit der Bürger zu schützen gehört zu den Aufgaben der EU. Ich gebe den Kritikern allerdings in einem Recht: Unsere Regeln sind manchmal zu kompliziert.

ZEIT: Wir haben also nicht zu viele europäische Richtlinien, sondern nur zu komplizierte?

Verheugen: Beides. Und ich kann Ihnen auch erklären, warum. Wir beachten zu viele nationale Sonderwünsche, und es gibt sehr viele Instanzen, die mitreden…

ZEIT: …ungefähr 3000 Arbeitsgruppen…