Verheugen: Richtig. Und dann müssen Sie noch die Regeln dazurechnen, die sich die Staaten in den Vereinten Nationen, genauer gesagt, im Rahmen der Wirtschaftskommission für Europa verordnen. In diesem Rahmen ist auch die berühmte Regel über die Krümmung der Gurken entstanden.

ZEIT: Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber kritisiert, dass europäische Gesetze in Deutschland nicht früh genug öffentlich debattiert werden. Die Bürger hören erst davon, wenn es schon zu spät ist. Deswegen reagieren sie ungehalten. So war es auch bei der Feinstaub-Richtlinie.

Verheugen: Da irrt der bayerische Ministerpräsident. Jeder Kommissionsvorschlag wird dem Bundesrat zur Stellungnahme zugeleitet, damit die deutschen Länder Gelegenheit haben, ihre Sichtweisen bereits in den Prozess der Gesetzgebung einzubringen. Das steht im Grundgesetz. Auch die Umsetzung der Richtlinie in deutsches Recht wurde im Bundestag und Bundesrat ausgiebig diskutiert und beschlossen. Man darf doch wohl erwarten, dass die Länder ihren Bürgern sagen, zu welchen Kommissionsvorschlägen sie im Bundesrat wie Stellung nehmen.

ZEIT: Dennoch trifft Edmund Stoiber einen Nerv, wenn er über das babylonische Europa schimpft. Was wollen sie konkret ändern, damit europäisches Recht in Zukunft einfacher wird?

Verheugen: Zurzeit prüfen wir alle 240 Richtlinienentwürfe, die Rat und Parlament vor dem 1.Januar 2004 erreicht haben und die noch nicht verabschiedet wurden. Sollten sie überflüssig sein, werden wir sie zurückziehen.

ZEIT: Angeblich gibt es 50 unnötige Richtlinienentwürfe, die Sie streichen wollen?

Verheugen: Diese Zahl ist aus der Luft gegriffen. Es ist einfach noch zu früh, um über Zahlen zu reden. So viele Entwürfe wie nötig werden zurückgezogen. Wir haben zudem schon das nächste Projekt begonnen und wollen in einem zweiten Schritt alle bereits bestehenden EU-Rechtsakte überprüfen, mit dem Ziel, sie zu vereinfachen oder zu streichen. Das ist eine Mammutaufgabe, denn wenn wir da einmal durch sind, können wir gleich wieder von vorn anfangen. Ich bin übrigens gespannt, wie die einzelnen Mitgliedsstaaten reagieren. Ich habe die Wirtschaftsminister und die Wirtschaft bis Ende Juni um ihre Vorschläge gebeten, wo dringlich gehandelt werden sollte. Bisher habe ich noch keine Post bekommen.