Verheugen: Es ist ein Richtlinienvorschlag, den Verbraucher, Tierschützer und die Wirtschaft seit langem diskutieren und erwarten. Meistens gibt es für Vorschläge gute Gründe. Als ich beispielsweise vorgeschlagen habe, die Gurkenverordnung abzuschaffen, gab es einen Aufschrei der Produzenten. Wie sollen wir noch Gurken verkaufen, haben die gejammert. Die Verordnung regelt nämlich einfach die Qualitätsklassen, und dabei geht es um bares Geld.

ZEIT: Sie wollen ernsthaft sagen, dass eine europäische Regel, die unter anderem den Krümmungsgrad der Gurke vorschreibt, sinnvoll ist?

Verheugen: Sie stört doch niemanden. Aber die Gurkenproduzenten brauchen sie und der Handel auch. Und die Verbraucher werden beim Preis nicht über den Tisch gezogen. Ich weiß wohl, dass die Versuchung sehr groß ist, sich über vermeintliche Absurditäten lustig zu machen. Ich habe längst die erstaunlichsten Sitten und Gebräuche kennen gelernt und festgestellt: Für die meisten gibt es gute Gründe. Es stört mich, dass die EU von Populisten aller Art benutzt wird, um billigen Beifall einzuheimsen. Wenn einem nichts mehr einfällt, dann wird Europa verdroschen. Und weil es keine ernsthaften politischen Argumente gegen die Europäische Union gibt, weil keiner sagen kann, dass wir das Friedensprojekt, den Binnenmarkt oder die Forschungsaktivitäten nicht brauchen, schimpfen sie eben über die Verfahren und die da in Brüssel, die Bürokraten. Ich habe noch niemals gehört, dass sich jemand über in Deutschland geltende nationale gesetzliche Handelsklassen für Schwarzwurzeln oder Preiselbeeren aufgeregt hat.

ZEIT: …und das regt Sie anscheinend ziemlich auf…

Verheugen: Ja, denn die Schlagworte kommen ausgerechnet von Leuten, die keine Ahnung haben, was ihre Behörden alles an Regeln produzieren. Die erwecken den Eindruck, dass wir in Brüssel handeln könnten wie ein Staat. Wir sind aber kein Staat. Wir müssen die Interessen von 25 Staaten abgleichen. Ohne die läuft nichts. Und auch nicht ohne das Parlament. Wenn Rat oder Parlament nicht wollen, ist Ende der Veranstaltung.

Das Gespräch führte Petra Pinzler