Bei einer Demonstration im Herzen der Hauptstadt Teheran tragen drei junge Frauen vor der tanzenden Menge ein Transparent mit nur einem Wort darauf: "Freedom" (Freiheit). "Freiheit und Demokratie sind die einzigen Mittel, womit das System uns wiedergewinnen kann. Sonst hören wir weiter weg, und die Mullahs können ihren Monolog fortsetzen", sagt Fariba, eine 23-jährige Jurastudentin.Sie hat dabei kommenden Freitag im Auge, an dem die Islamische Republik Iran zum neunten Mal ihren Präsidenten wählt. Aber anders als 1997 und 2001 ist das öffentliche Interesse diesmal äußerst gering. Zu arg ist die Enttäuschung über die ausgebliebene Umsetzung der von Präsident Mohammed Chatami propagierten "islamischen Demokratie". "Man wählt, aber die Gewählten haben eh nichts zu sagen, also was soll's?", meint Chemiestudent Ramin. Die Erfahrung mit den nicht vom Volk gewählten Gremien der Geistlichen, die mit ihren erzkonservativen Anschauungen stets den politischen Radius des demokratisch gewählten Präsidenten eingeschränkt oder gar blockiert haben, lässt die Präsidentenwahl zu einem untergeordneten Ereignis werden.Besonders die jungen Iraner möchten mehr als nur die "kleinen" Freiheiten, die als Errungenschaften der Ära Chatami gelten. Er hat es in den acht Jahren im Amt zumindest geschafft, die Privatsphäre der Menschen zu schützen. In vielen Haushalten sind nun ohne Angst vor der Polizei Satellitenfernseher installiert, die sogar den Empfang von Programmen monarchistischer Oppositionsgruppen aus den USA ermöglichen. Die meisten inhaftierten Dissidenten sind wieder auf freiem Fuß. Es gibt Zeitungen mit kritischem Blick auf politische Entwicklungen. Die Einmischung der Sittenpolizei hält sich bei der Kontrolle der Kleidervorschriften bei Frauen derzeit in erträglichen Grenzen."Das System muss umgekrempelt werden, sonst verlieren wir das Volk", warnt aber Mohammed-Resa Chatami, Vorsitzender der Reformpartei Beteiligungsfront und Präsidenten-Bruder. In der Tat muss sich die Führungsschicht die bange Frage stellen, wie viele Menschen überhaupt an die Urnen gehen werden. Eine unter 50 Prozent liegende Beteiligung der fast 49 Millionen Wahlberechtigten könnte laut Beobachtern als ein Misstrauensvotum gegen das System ausgelegt werden. "Gewählt wird ja schließlich einer. Die Frage ist nur wie", sagte der gemäßigte Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani, der nach acht Jahren als klarer Favorit wieder antritt. Das Wahlprogramm des Präsidenten der Jahre 1989 bis 1997 steht unter dem Motto "Lasst uns zusammenarbeiten" - ein Appell an Hardliner und Reformer gleichermaßen. Mit farbenfroh gekleideten jugendlichen Helfern versucht er, die Jungwähler hinter sich zu bringen, die das Gros der 48 Millionen Stimmberechtigten ausmachen. Daneben hat Rafsandschani die Außenpolitik in den Mittelpunkt seiner Kampagne gestellt. Er werde jeglichem Streben nach Atomwaffen eine deutliche Absage erteilen und die seit einem Vierteljahrhundert anhaltenden Feindseligkeiten mit den USA beenden, betont der 70-Jährige.Insgesamt sind acht Kandidaten zur Wahl zugelassen. Hauptrivale des 70-jährigen Rafsandschani ist Mostafa Moein, Ex- Wissenschaftsminister und Kandidat der Reformer. Beide sind sich der Gefahr der konstant steigenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung bewusst. "Dogmatismus und Engstirnigkeit sind derzeit Gift für uns. Wir brauchen neue Mechanismen, um den Menschen wieder mehr Lebensfreude zu geben", appellierte Rafsandschani an den erzkonservativen Klerus. Das brachte ihm im Volk viele Sympathien ein. Doch die Unzufriedenheit hat in der Zwischenzeit auch gewaltsame Dimensionen angenommen. Sechs Bombenanschläge in Teheran und Ahwas (im Südwesten Irans), bei denen fünf Tage vor der Wahl mindestens zehn Menschen ums Leben kamen, sollten laut Regierung die Wähler davon abbringen, an die Urnen zu gehen.Von den übrigen Kandidaten stammen vier aus dem konservativen und zwei aus dem reformorientierten Lager. "Sie jagen sich gegenseitig die Stimmen ab. Lachender Dritter ist dann der Rafsandschani", sagt ein Politologe in Teheran. Von den ursprünglichen Kandidaten gilt höchstens noch der frühere Parlamentspräsident Mahdi Karrubi als etwas reformorientiert. Er wird in der Bevölkerung dennoch als Vertrauter Chameneis gesehen und vor allem von jungen Leuten abgelehnt. Nach dem Einschreiten des obersten Ayatollahs stehen nun auch noch der frühere Kulturminister Mostafa Moein und der für Sport zuständige Vizepräsident Mohsen Mehralisadeh zur Wahl. Frauen blieben von einer Bewerbung grundsätzlich ausgeschlossen, obwohl es im Januar kurzzeitig Berichte gab, der Wächterrat habe seine diesbezügliche Auslegung der Verfassung revidiert.Nur Rafsandschani und Moein treten mit einem konkreten Programm an. Moein will die Autorität des Präsidenten stärken. Entsprechende Bemühungen der Reformer wurden in der letzten Legislaturperiode stets als verfassungswidrig abgeblockt. Mächtigster Mann im Staat ist laut Verfassung Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei und nicht der Präsident.Die Beteiligung von Frauen und Jugendlichen, die fast 75 Prozent der 49 Millionen Wahlberechtigten bilden, gelten am 17. Juni als wahlentscheidend. Schließlich hatte Chatami seine beiden Wahlerfolge 1997 und 2001 diesen Gruppen zu verdanken. So ruft nun auch Rafsandschani nach mehr Rechten für Frauen und mehr Freiheiten für Jugendliche. Zumindest Moeins Pressesprecherin Elaheh Kulaie dürfte an der Ernsthaftigkeit solcher Absichtserklärungen zweifeln. Ihr wurde es verboten, an einer Fernsehdebatte mit Sprechern der anderen Kandidaten teilzunehmen. Simpler Grund: Sie sei eine Frau.