Am Eingang zum Paradies stehen Betonblockaden. Die Soldaten hinter ihnen winken müde, und wir fahren mit Schwung und einem Halleluja hinein. "Die schönsten israelischen Folksongs" beschallen den Bus, und die Reiseleiterin mit dem biblischen Namen Maria Sinai zitiert aus dem Talmud: "Wenn Israel das Paradies ist, dann ist das Tal von Bet Shean seine Eingangspforte." Wir sind im Westjordanland. "Judäa und Samaria", korrigiert die Reiseleiterin. "In den besetzten Gebieten", flüstert jemand hinter einem Sitz. Jedenfalls im Paradies. Oder besser vielleicht noch: in seinem irdischen Vorhof.

Denn zum Paradies, so merkt der Besucher schnell, fehlt noch einiges. Am Kircheneingang mahnen Schilder: "Keine Schusswaffen, keine Messer, kein Tränengas", und an den Stränden wünschen sie: "Geh in Frieden." Gerade einmal ein Vierteljahr ist seit dem letzten Selbstmordanschlag in Tel Aviv vergangen, und noch immer kommt es beinahe täglich zu Schießereien an Checkpoints, muss man vor vielen Supermärkten seine Tasche öffnen, beäugen die Insassen eines Busses jedes Gepäckstück argwöhnisch. Doch ein Vierteljahr Ruhe ist hier eine halbe Ewigkeit.

"Falls jetzt geschossen wird, verstecken wir uns dort drüben"

"Günstig wie nie" – mit diesem Slogan wirbt die Fremdenverkehrszentrale um Touristen. Fast alle Reiseveranstalter hatten Israel in den letzten Jahren aus ihren Katalogen genommen. Studiosus kehrt als erster der größeren deutschen Anbieter zurück. Bevor im September der normale Betrieb wieder aufgenommen wird, soll eine so benannte Sympathiereise das Feld erkunden. Dabei bekommen die Reisenden Gelegenheit, mit Politikern beider Seiten zu sprechen. In der Tat ist Sympathie bitter nötig in einem Land, wo man von CBM spricht, wenn es um confidence-building measures, vertrauensbildende Maßnahmen geht.

Wer heute, fast fünf Jahre nach Beginn der zweiten Intifada, durchs Heilige Land reist, der stößt überall auf Grenzen und Stacheldrahtzäune, auf Soldaten und Blockaden, in der Landschaft und in den Köpfen. Da fahren wir zwischen tennisballdicken lila Disteln und flauschig weißer Schafgarbe auf dem Golan entlang, als plötzlich die Reiseleiterin erklärt: "Falls jetzt geschossen werden sollte, rennen wir aus dem Bus und verstecken uns hinter den Mauern dort drüben." Sie weist auf Betonwände, die alle paar hundert Meter in den Zaun eingelassen sind. Dahinter liegen irgendwo Syrien und Jordanien. Hinter dem Draht sieht man Krokodile. Jemand ist auf die Idee gekommen, im Dreiländereck eine Zucht zu errichten.

Oder am Ufer des Sees Genezareth, wo Mangos, Bananen und Avocados so üppig wachsen, dass nicht viel zu einem irdischen Schlaraffenland fehlt. Während wir uns noch vorstellen, dass hier einmal Jesus über das Wasser ging, hält die Reiseleiterin in ihrer Schilderung des Wunders inne: "Und hier war mal ein syrischer Militärstützpunkt." Jetzt heißt er Café in den Wolken, und wir sehen von hier aus den 2814 Meter hohen Berg Hermon, an dessen Flanken Libanesen, Syrer und Israelis im Winter Ski fahren. Mit einer Grenze dazwischen, natürlich. Im Hintergrund kracht es alle paar Minuten, es sind die Übungen der israelischen Armee.

Als wir am nächsten Tag in Richtung Süden zum Toten Meer fahren, bemüht sich die Reiseleiterin, die Geografie des Konflikts zu erklären: "In den Gebieten, die braun markiert sind, haben die Palästinenser die alleinige Kontrolle. In den gelben Zonen ist die israelische Armee für die Sicherheit zuständig." Ihr Zeigefinger kreist über der Landkarte. Wie eine vom Wind zerfledderte Sonnenblume sieht das Westjordanland darauf aus. "Und hier verläuft der neue Sicherheitszaun." Der Zeigefinger fährt im Slalom von Norden nach Süden.

Parallel dazu, bloß 50 Kilometer weiter im Osten, schlängelt sich unsere Straße am Jordantal entlang auf das Tote Meer zu, immer in Sichtweite zur jordanischen Grenze. Bögen wir nach Westen ab, wären wir in nicht einmal einer halben Stunde in Jenin, Nablus und Jericho. Wären da nicht die Checkpoints, die dafür sorgen, dass kein Israeli hineinfährt und kein Palästinenser hinaus. "In Jericho stand bis zur Intifada ein Casino", erzählt die Reiseleiterin, "sogar aus Tel Aviv kamen sie hierher, um ihr Geld zu verschleudern." Geblieben ist der ältesten Stadt der Welt ihr einziges Hochhaus, das nun leer steht. Auch wir machen einen weiten Bogen um die Ausgrabungsstätten mit den Treppen und Mauern, die 9000 Jahre alt sein sollen. "Zu gefährlich", sagt Maria. "Und die Spieler, die Verrückten, die fliegen jetzt nach Bulgarien." Das Glück, so scheint es, hat das Land seit Beginn der Intifada verlassen.