Wenn man dem Vorwort glauben darf, dann wurde Jules Boissière 1836 geboren und starb 1897. Als junger Mann hatte er Gedichte veröffentlicht, dann ging er in den Kolonialdienst und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens im damaligen Indochina, in Vietnam, wo er das Opiumrauchen lernte. 1895 erschien in Paris der hier nun übersetzt vorliegende Band mit Erzählungen aus Indochina.

Meistens haben diese Erzählungen die Form von Tagebüchern oder Erinnerungen, nicht aber des wirklichen Autors, sondern fingierter Personen. Es scheint, dass sich Boissière auf diese Weise Freiheit schaffen wollte für das erzählende Berichten von Dingen, die er selber (bis auf das Opiumrauchen) schwerlich erlebt hatte. Das klingt ein bisschen albern, weil das so ja schließlich die meisten Erzähler machen; aber für Boissière, der großen Wert auf die Authentizität der opiumrauchgeschwängerten Perspektive seines Erzählens legt, ist jene Fiktion offenbar das gegebene Mittel, einen einigermaßen plausiblen Standpunkt zwischen unglaubwürdiger Fabuliererei und nachweisbarer Mogelei einzunehmen. Und so lässt er denn zum Beispiel jemanden Papiere finden, die ein zum Tode Verurteilter in seiner Zelle hinterlässt – und schon haben wir das Tagebuch eines Erschossenen , eines Mannes natürlich, der hundert Seiten lang Opium raucht.

Wenn Boissière ablässt von solchen fingierten Memoiren, etwa in einem ebenfalls hundertseitigen Kurzroman über Wanderschauspieler in Vietnam, dann wird es für ihn sehr schwierig. Literarisch sieht er sich im Gefolge Baudelaires und Poes (Poe war 1849, Baudelaire 1867 gestorben), man möchte sagen, dass er Poe nun sozusagen mit Opium anreichert und Baudelaire mit Indochina.

Heraus kommt im Falle dieses kleinen Romans dann die Geschichte eines schönen schauspielernden Mädchens und eines schönen und irre gebildeten jungen Fürsten, eine Geschichte, die so geht, dass der junge Fürst, der versteckt lebt und zufällig von den Wanderschauspielern gefunden wird, sich tagelang von der schönen jungen Wanderschauspielerin was vorspielen lässt und sich dabei natürlich in sie verliebt. Sie ihrerseits verliebt sich auch in ihn, und zwar einerseits so, dass sie sich völlig an ihn verlieren will, andererseits aber auch so, dass sie ihn völlig beherrschen will. Er aber, das ist klar, durchschaut das.

Zehn Tage lang scheint der Mond, so voll und rund und schön

Das wäre weiter nicht schlimm, wenn er nicht zugleich auch wahnsinnig gebildet und dekadent wäre (ein bisschen wie die Helden Huysmans’, die von den herrlichsten Genüssen ja schon mehr als gesättigt sind, wenn sie sich nur recht ausführlich vorgestellt haben); da er das nun aber ist und außerdem nicht wollen kann, dass diese Schauspieler ebenso zufällig, wie sie ihn gefunden haben, ihn womöglich woanders aus Versehen verraten, bringt er sie nach zehn schönen Tagen alle um.

Das heißt, und da liegt nun die Pointe, und auf diese Art kommt wohl auch hier das Opium zum Zuge, der Fürst, in seinem subtilen und entsetzlich verfeinerten und raffinierten ästhetischen Genuss aller Dinge, krönt oder toppt die Darbietung der Truppe und insbesondere seiner Geliebten dadurch, dass er ins allerletzte Spiel eine irgendwie spontane und doch auch gnadenlos inszenierte Enthauptung sowohl der ganzen Truppe wie eben auch seiner Geliebten mit hineinnimmt.