Moroni

Wäre man bei Nacht mit verbundenen Augen auf diesem Archipel gelandet, dann wüsste man spätestens jetzt, wo man ist: auf den Komoren, dem Staat mit der höchsten Putschrate der Welt. Ein halbes Dutzend Staatsstreiche gab es seit der Unabhängigkeit und mindestens 25 Versuche, und was gerade im Städtchen Mutsamudu auf der Insel Anjouan vor unseren Augen abläuft, dürfte folglich der 26. sein. BILD

Zunächst hören wir aufgeregtes Geschnatter, dann wildes Geschrei. Zwischen den Büschen hinter dem Gericht sehen wir bordeauxrote Chiromani vorbeifliegen, Frauen in traditionellen Wickelkleidern. Aufgescheucht laufen die Leute hin und her, und noch schneller rennen die Gerüchte. Colonel Bacar, der Präsident, wurde angegriffen! Man wollte ihn ermorden! Fragen, Mutmaßungen, große Verwirrung. Aber schon bald verliert sich die allgemeine Aufregung im Alltagstrott der Tropen. (Morgen werden wir auf der Nachbarinsel in den Nouvelles de Mayotte lesen, dass der Innenminister von Anjouan den stümperhaften Putschversuch bestätigt hat.)

Eigentlich warten wir aus einem ganz anderen Grunde vor dem Palais de Justice in Mutsamudu. Wir sind verabredet mit einem Mann, der illegale Einwanderer auf europäisches Hoheitsgebiet schleust, von der bettelarmen Insel Anjouan hinüber nach Mayotte, das zwar zu den Komoren gehört, aber vergleichsweise reich ist, weil es sich nach der Unabhängigkeit per Referendum für den Verbleib bei der Kolonialmacht Frankreich entschied. Es ist die geheimste Hintertür nach Euroland, aber vermutlich wissen die meisten EU-Innenminister gar nicht, dass es sie gibt.

Jimmy Sinty heißt der Mann, ein stämmiger Madegasse, Boxernase, Moustache, Pierre-Laurent-Shirt. Er saß gerade einen Monat im Gefängnis, wegen Menschenschmuggel. Sinty sieht den Fall weniger dramatisch. "Was ich mache, ist wie ein Buschtaxi." Er transportiert Kühe, Zigaretten, Pfeffer, Vanille und manchmal auch Leute. 100 Euro verlangt er pro "Kunden", 25 Kunden passen auf sein sieben Meter langes Boot, die Überfahrt dauert drei bis vier Stunden. Aber jetzt, versichert Sinty, habe er das Geschäft aufgegeben. "Nimm mich mit, Jimmy!", ruft eine Frau, die gerade vorbeispaziert. Der Fährmann grinst.

Vermutlich liegt sein Boot startbereit an einem der alabasterweißen Sandstrände von Bambao oder Domoni, drüben, am Ostufer von Anjouan. Dort ankern in stillen Buchten die berüchtigten Kwassa Kwassa, die Schaluppen der Menschenschmuggler, die nach kongolesischer Rumba-Musik benannt sind, weil sie so wild schaukeln. Dort ist die Armut der dicht besiedelten Insel zu besichtigen, die löchrigen Straßen, modrigen Häuser und Schulruinen, die jungen Männer, die keine Arbeit und wenig Zukunft haben. Dort sieht man auch Kinder mit Kwaschiorkor-Bauch – ein Zeichen der Mangelernährung.

Euros und Pyrenäenkäse locken hinter dem aquamarinblauen Meer

Tristes tropiques, schöne, traurige Tropen. Vom verfallenen Palast des einstigen Sultans AbdallahIII. geht der Blick über Nelkenplantagen und Litschiwälder hinaus aufs aquamarinblaue Meer und hinüber ins Paradies, nach Mayotte. " Le grand champs Elize" hat ein rechtschreibschwacher Träumer an die Stirnwand des Herrenhauses gekritzelt. Paris! Das ist der Sehnsuchtsort jenseits der Sehnsuchtsinsel. Doch auf den 70 Kilometern, die dazwischen liegen, lauert der Wassertod. Erst neulich wurden sieben Leichen auf Mayotte angeschwemmt; nur fünf von vierzig illegalen Immigranten sollen die Passage überlebt haben.