Blutige Kämpfe zwischen Guerilleros und Paramilitärs, Drogenmafia, tägliche Bandenkriege, Entführungen, Raubüberfälle, 35.000 Gewaltopfer jährlich – in einem Land mit derart ungemütlichen Verhältnissen wie in Kolumbien muss wenigstens die Literatur guten Willens und bereit sein, Verteidigungsaufgaben zu übernehmen. Ist sie auch. Giftige Ironie, aber nicht mit dem Tropfenzähler, ein ungemütlich knurrender Sarkasmus und Salven unflätigen Humors sind überall im humanitären Einsatz, um der hypertrophen Gewalt Paroli zu bieten.

Fernando Vallejo zum Beispiel, Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor, 1942 in Medellín geboren, lebt seit Jahren in Mexiko. Wenn er sein altes Zuhause besucht, hallen draußen auch schon Schüsse. Und prompt ist der morbide Humor zur Stelle: "Kolumbien, Kolumbienchen … Mörderland, Rabenvaterland, verhurenbalgte Leibesfrucht Spaniens, wen bringst du gerade um, du Wahnsinnige?" Genauer gesagt spricht hier Vallejos Alter Ego, der Ich-Erzähler seines Romans Der Abgrund. Er heißt nicht zufällig auch Fernando, ist ebenfalls schwul, über sechzig und Schriftsteller. Wie gesagt, ohne seinen Humor geht er nicht vor die Tür. Schon gar nicht abends, wenn der Mond aufgeht, "ein verrückter Mond", ein blutroter Mond. "Dann nehmen Machete und Fackel die Nacht in Besitz – schlagen Köpfe ab, stecken Viehwege in Brand, leben ihre Marotten aus. Kolumbien, die laxe Puffmutter, läßt sie gewähren."

Wie alle Einsamen und Verrückten führt er somnambule Selbstgespräche und verwünscht die ganze Bagage, die das Land an den Rand des Abgrunds und ihn zur Verzweiflung getrieben hat. Als da wären: Präsidenten und Gouverneure, Minister, Drogenbosse, Fußballer, Priester, Bischöfe, der Papst und: die Frauen. Die Frauen, diese Unheil ausbrütenden "Legehennen" und der Papst, der den "Gebärwahn" absegnet, bekommen seinen kaustischen Humor aufs empfindlichste zu schmecken. Besonders eine Frau, Urbild aller Hassobjekte: Fernandos Mutter. "Dona Wahnwitz", das "fruchtbare Biest", die "Profigebärende", die das "namenlose Verbrechen" begangen hat, ihn und danach noch 22 weitere Sprösslinge in diese verrohte Welt zu setzen, nur um sie wie Dienstboten herumzukommandieren und zu schikanieren, so wie sie "Papi" ihr Leben lang herumkommandiert hat. Die Elende erfreut sich nach wie vor bester Gesundheit, und Papi ist tot.

Fernando ist nicht ganz bei Trost, denn er ist untröstlich. Um nicht heulen zu müssen, schimpft er Rotz und Wasser. Nur das Schimpfen hält ihn noch bei der Stange. Es ist seine Art von Trauerarbeit. Angeblich liegt er beim Analytiker auf der Couch und ringt mit den Gespenstern der Vergangenheit. Die beiden Menschen, die ihm lieb und teuer waren, sind ihm hintereinander weggestorben. Zuerst Papi, der Exsenator und etwas weltfremde Patron. Dann sein Lieblingsbruder Darío an Aids. Mit Darío ist alles Schöne und Erinnernswerte perdu und begraben: Kindheit, Unschuld, Eros und alle Hoffnung. Obwohl der ein ziemlicher Nichtsnutz und Draufgänger war, der alle möglichen Drogen konsumierte und dann völlig aus der Spur lief, mal einen Richter vom Balkon stieß oder auch ihm, dem älteren Bruder, schon mal eine Gitarre über den Schädel zog. Jähzornig wie alle aus der Familie der "Wahnsinnigen", diesem überbevölkerten "Kolumbien in Kleinformat".

O-Töne aus den unflätigen Eingeweiden der Verzweiflung

Zwischen den beiden war lange Zeit Funkstille, bis Darío aus Bogotá, wo er lebte und sich bei seinen Ausschweifungen mit Aids angesteckt hatte, zum Sterben nach Medellín , in die "putzige Hölle" seines Elternhauses, zurückkam. In seiner Hängematte im Garten starb er vor sich hin, rauchend, halluzinierend, und ließ nichts übrig für die Würmer "als einen lausigen Haufen in fleckiges Pergament eingeschlagene Knochen". Kein Mensch hätte sich um ihn gekümmert, wenn Fernando nicht aus Mexiko gekommen wäre, ihn versorgt und ihm das Sterben mit Erinnerungen verkürzt hätte. An die gemeinsame Kindheit und die "gesegneten Zeiten", als sie in ihrem mit Knaben beladenen Studebaker irgendeinen Pass in den Anden hochbretterten. "Heute wandeln nur noch Zombies und Halbwilde durch meine arme Straße, denn dazu ist dieser mordende Menschenschlag geworden." Die Gegenwart kann man vergessen. Noch der strengste "Nadaist" hängt wenigstens dem Glauben an, dass früher alles besser war.

Ein launiges und lausiges Stück Rollenprosa, das dem Autor den hohen Premio Rómulo Gallegos einbrachte. O-Töne aus den unflätigen Eingeweiden der Verzweiflung, roh und theatralisch wie solche Affektprosa zu sein pflegt. Aber elegant komponiert mit dem Tonuswechsel von Sentiment und Polemik, den minimalistisch variierten Wiederholungsschleifen der obsessiven Leitmotive: der alltägliche Stumpfsinn der Gewalt, die Masse an sinnlos verschwendetem Leben. Der ganze Text kreist ungläubig um die eine Frage: Wie war das möglich? Gestern noch ein Kind gewesen, das mit großen Erwartungen in die Zukunft schaut. Heute ist man alt und um alle Versprechen betrogen.

Vallejo gibt sich alle Mühe, vor allem uns, die "lieben Europäer", mit seinem Hohnlachen zu erschüttern und Elfriede Jelineks jokulatorisches Leiden an Österreich zu überbieten. Wie sich die Motive und Hassobjekte gleichen. Sein bitterer Humor ist aber frischer, romanischer, nicht so vernarrt ins Hässliche wie der austriakische.