Plastik ist unvergänglich. Und so hat die Jungfrau Maria auch in dieser Welt ein ewiges Leben gefunden. Wasserflaschen in Form der Madonna, die Krone zum Abschrauben. Bedruckte Wasserkanister, ein, fünf oder zehn Liter. Pfefferminzbonbons mit dem Aufdruck: "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis." Mit diesem Satz, so geht die Legende, hat sich die Erscheinung damals zu erkennen gegeben, in Lourdes, einem der größten katholischen Wallfahrtsorte. In Form einer hellen Figur sei die Unbefleckte Empfängnis höchstselbst Mitte des 19. Jahrhunderts einem 14jährigen Mädchen erschienen, in einer Grotte, in der sich heute schweigend die Pilger drängeln, darunter viele in Uniform.

Es ist die 47. internationale Soldatenwallfahrt. Die Stadt ist übervoll mit 17000 Soldaten aus 30 Ländern, die Bundeswehr ist mit vier Sonderzügen gekommen. Fünf Tage wohnen 300 deutsche Soldaten in einem Zeltlager der KFor-Truppe, es hat Sonderurlaub gegeben, um nach Lourdes zu kommen.

Es ist gerade 60 Jahre her, dass die Beteiligten dieser Friedenswallfahrt noch aufeinander geschossen haben. Heute hat die Bundeswehr längst wieder Einsätze im Ausland – sind damit auch Existenzfragen für ihre Mitglieder wichtiger geworden? Sind Soldaten Pilger?

Rainer Stahlhacke, der Pfarrer des Zeltlagers, weiß, dass er die Sprache der Soldaten kennen muss, um akzeptiert zu werden. Er nennt seine Tarnkleidung "Brokkoli-Anzug" und fährt Motorrad. Manche jungen Rekruten, sagt er, seien wie ein Schwamm, der seit Jahren kein Wasser bekommen habe. Viele redeten sehr offen, und bei immer mehr Soldaten falle ihm auf: "Die tragen eine gewaltige Last mit sich herum." Alles hat er gehört, über Missbrauch, Einsamkeit, zerrissene Familien. Und manchmal geht es bei den Gesprächen auch um Leben und Tod.

"Das Militär und die Kirche befassen sich von Berufs wegen mit dem Tod", sagt der Berliner Militärpfarrer Stefan Scheifele. Und vielleicht seien die Kirche und die Armee sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheine. Jonathan Göllner sagt, seitdem es so viele Einsätze für die Bundeswehr gebe, sei die Bedeutung der Militärpfarrer gewachsen, denn sie gehen mit nach Bosnien und mit nach Kabul. Wird eine Todesnachricht überbracht, ist immer ein Pfarrer dabei. Es passiere auch ab und zu, dass in Einsätzen plötzlich einer dasteht und sich taufen lassen will. 2004 gab es vier Taufen in Einsätzen und 28 Erwachsenentaufen innerhalb der Bundeswehr.

Aber bleibt nicht immer ein grundsätzlicher Widerspruch? Was ist mit dem Gebot "Du sollst nicht töten"? "Es gibt ja auch die Unterlassungssünde", sagt Pfarrer Scheifele. Wenn man mit einem militärischen Einschreiten ein noch größeres Leid beenden könne. Jonathan Göllner hat sogar selbst den Kriegsdienst verweigert, aber während seiner geistlichen Ausbildung in Kenia ist er in eine blutige Stammesfehde geraten. "Da habe ich das noch mal überdacht." Eine UN-Einsatztruppe schien ihm plötzlich sehr gerecht. Und schließlich: Muss er sich als Christ nicht gerade um die Seelen der Sünder kümmern?

Rico Heinemann, 30, Wachbataillon Berlin, ist so heiser, wie die Nächte in Lourdes lang sind. Er geht manchmal spät noch allein an die Grotte, aber vorher meistens in die Stadt, ins Café Royal, direkt am "Heiligen Bezirk". Der erste Stock ist seit Jahren der "Feldherrenhügel" der deutschen Soldaten in Lourdes, der Balkon mit den Geranien ist immer belagert, obwohl das Bier 4,20 Euro kostet. Das Wort Nationalfahne bekommt an diesen Abenden eine ganz neue Bedeutung.

Überall spielen Militärkapellen bis zwei Uhr nachts, die Dudelsäcke der Iren übertönen alle. Die Soldaten tauschen Abzeichen und Uniformteile. Der Gefängnisseelsorger der JVA Tegel wagt ein Tänzchen auf der Straße. Der Spielmannszug aus Berlin spielt den Klingonenmarsch aus Star Wars. Rico Heinemann sagt, das alles, das Stille und das Militärische, gehöre hier zusammen, und keines funktioniere ohne das andere. Er ist zum neunten Mal in Lourdes, 1999 hat er sich hier taufen lassen.