Gegen 1.45 Uhr am Morgen des 15. April 1912 tut Joseph Bruce Ismay den einen Schritt, für den er ein Leben lang bezahlen wird: den von der sinkenden Titanic ins letzte Rettungsboot. Seit der Kollision mit dem Eisberg hat der 50-jährige Direktor der White Star Line unablässig geholfen, die Passagiere in die Rettungsboote zu bringen. Nun, als Faltboot C auf der vorderen Steuerbordseite klargemacht wird, scheint das Deck rundum wie ausgestorben. "Sind da noch Frauen?", ruft ein Offizier. Keine Antwort. Boot C wird gefiert, mit 20 leeren Plätzen. Es senkt sich schon, da steigt Ismay doch noch ein – im allerletzten Moment.

Fast ein Vierteljahrhundert zuvor hatte der Reeder einen folgenschweren Fehler begangen: Er hatte es sich mit der amerikanischen Presse verdorben. Die Nordatlantik-Passagierschifffahrt war da ein Topthema, die großen Spitzenschiffe genossen den Rang internationaler Medienstars. Storys über sie garantierten Rekordauflagen. Doch von Ismay, seit 1888 White-Star-Vertreter in New York, gab es keine. Er war notorisch presse- und öffentlichkeitsscheu. Das trug ihm die persönliche Feindschaft des Pressezaren William Randolph Hearst ein.

Nun lag das Flaggschiff der britischen White Star Line und des amerikanischen Morgan Trust, dem sie angehörte und dem Ismay vorsaß, das gefeierte Sinnbild von Fortschritt, Toptechnologie und Glamour, auf dem Meeresgrund. Mehr als 1.500 Menschen hatten ihr Leben verloren. Für das Undenkbare, das eigentlich nicht hatte geschehen können, musste es einen Schuldigen geben. Sobald klar war, dass der Reeder der Titanic überlebt hatte, war ebenso klar, dass er es sein musste – zumindest für die Presse. Noch bevor das Schiff mit den Überlebenden New York erreicht hatte, waren Legenden geboren, die bis heute nachwirken.

Vor allem die Hearst-Blätter hatten auch schon das Urteil parat: "Die ›Titanic‹ hat einen Rekord aufgestellt", hieß es etwa im American, "einen in der Geschichte der Seefahrt einmaligen Rekord der fahrlässigen Tötung. Und J. Bruce Ismay hat überlebt, um uns zu sagen, wie 1.400 seiner Reederei anvertraute Menschen umkommen konnten, während er seine Haut gerettet hat. Sollte die Sucht nach Geschwindigkeitsrekorden für diesen Massenmord als Entschuldigung gelten?" Der gewissenlose ausländische Kapitalist, dazu noch der Vertreter eines der großen Wall-Street-Trusts, die in den USA misstrauisch betrachtet wurden, musste aus Profitgier buchstäblich über Leichen gegangen sein. Er hatte offenbar nach dem Blauen Band für die schnellste Ozeanüberquerung gegiert und daher den edlen Kapitän gezwungen, das Schiff durchs Eis zu jagen. Resultat: "Massenmord".

Diese Story, in der sich moderne Kapitalismuskritik mit klassischem Drama vereinigt, ist ebenso unwiderstehlich wie absurd: Das Blaue Band trug damals der Cunard-Schnelldampfer Mauretania , und mit dessen Spitzengeschwindigkeit hätte der White-Star-Liner niemals mithalten können. Er sollte es auch nicht: Die Titanic war überhaupt nicht für Rekordreisen konzipiert. Ihre Eigner hatten andere Prioritäten: Die Titanic stand für Luxus und Komfort statt Geschwindigkeit. Doch die griffige Saga ist unsinkbarer als das legendäre Schiff.

Direkt nach dem Untergang wurde die Titanic von der US-Presse zur Bastion angelsächsischen Heroismus stilisiert, auf der ritterliche Gentlemen stoisch den Smoking zum Ertrinken anlegten. Wie erbärmlich dagegen Ismay – sicher hatte er sich in Frauenkleidern ins erste Rettungsboot geschmuggelt! Hearst höchstpersönlich gab den Ton der Kampagne an: Er bezeichnete den Reeder fortan als brute (Unmensch) Ismay und fragte in großen Lettern: "Wer würde nicht lieber als Held sterben, denn als Feigling leben?"

Als Ismay, unter schwerem Schock stehend, drei Tage nach der Katastrophe New York erreichte, hieß es bereits, Satan höchstselbst sei den Amerikanern willkommener. Mehrere Orte namens Ismay hatten eilig Namensänderungen beantragt. Einen Tag später, bei der Aussage vor einem Untersuchungsausschuss, benötigte der Reeder Leibwächter. Reporter schilderten genüsslich Ismays "orientalisch" dunkle Erscheinung, seinen "deutschen" Schnauzbart, den Brillantring an seinem Finger und seine kaum beherrschte Nervosität. Kurzum: der perfekte Schurke, der perfekte Sündenbock für die Hybris einer ganzen Epoche.

Weder vor dem amerikanischen noch vor dem britischen Untersuchungsausschuss konnte Ismay irgendein persönliches Fehlverhalten nachgewiesen werden. Doch er hatte das Unentschuldbare getan: Er hatte sich gerettet. Nach dem Ehrenkodex seiner Zeit war das ein gesellschaftliches Todesurteil. Ismay büßte fortan stellvertretend für alle überlebenden Männer der ersten Klasse. Er legte den Chefposten des Morgan Trust nieder, der Vorsitz der White Star Line wurde ihm entzogen. Er zog sich völlig zurück, bis er 1937 starb. Die Titanic durfte in seiner Gegenwart nie mehr erwähnt werden.