Mit ihm selbst habe die Bild- Zeitung nicht gesprochen, sagt Oliver Pocher. Erst nach der Veröffentlichung habe eine Bild- Redakteurin bei seiner Managerin Nina Brkan angerufen – und gedroht, weitere belastende Informationen zu veröffentlichen, wenn Pocher weiterhin nicht bereit sei, mit Bild zu reden. Bild bestreitet den Vorwurf der Erpressung nicht. Offenbar hatte sich der Comedy-Star unbeliebt gemacht, weil er sich weigerte, dem Blatt ein Interview zu geben. Vor allem nach dem Erfolg seiner Werbekampagne für den Media-Markt ("Lass dich nicht verarschen!") im vergangenen Herbst habe es "viele Anfragen von Bild gegeben, ich habe immer abgelehnt", sagt Pocher und sieht sich dabei in guter Gesellschaft: "Leute, die beruflich gefragt sind und Rückgrat haben, reden nicht mit der Bild- Zeitung."

Wie demütigend es ist, wenn Bild seine Drohungen wahr macht, hat Sibel Kekilli, Hauptdarstellerin des preisgekrönten Films Gegen die Wand, leidvoll erfahren. Am Samstag noch strahlende Berlinale-Gewinnerin, wurde sie zwei Tage später auf der Titelseite der Bild- Zeitung als "Porno-Star" geoutet. Über Wochen hinweg, zeitweise täglich, breitete Bild genüsslich die Vergangenheit der jungen Deutsch-Türkin als Pornodarstellerin aus. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) klagte sie über die "ziemlich gerissenen" Methoden des Boulevardblatts: "Die Bild- Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich lass mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen." Bild machte daraufhin seine Drohung wahr und sprach mit den Eltern. Und der Vater sagte dem Blatt, er wolle Sibel nie wieder sehen. Die Familie hat ihre Tochter verstoßen. Dass ihre Porno-Vergangenheit ans Licht kommen würde, damit habe sie gerechnet, sagte Kekilli der FAS – "aber so riesig, so schmutzig, das hätte ich nicht gedacht". Diese Bloßstellung wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. Als im vergangenen Herbst die Bambi-Verleihung im Fernsehen übertragen wurde, nutzte sie die Gelegenheit, öffentlich die Boulevardmethoden anzuprangern: "Und denen ich nicht danke, das sind Bild und Kölner Express. Hört endlich auf mit dieser dreckigen Hetzkampagne! Das, was ihr macht, nennt man Medienvergewaltigung", stieß sie hervor und begann zu weinen.

Hört man sich in der Medienbranche um, bei Managern von Künstlern etwa, so fällt immer wieder ein Name, der mit diesen Erpressungen in Verbindung gebracht wird: Martin Heidemanns, bei Bild für das Unterhaltungsressort verantwortlich. "Seine Interviews in Verhörform sind ebenso berüchtigt wie die rüden Recherchemethoden", schrieb die Woche vor vier Jahren über ihn. Heidemanns sei "als ›harter Hund‹ gefürchtet, bleibt aber selbst im Hintergrund".

Neben dem Prominenten-Bashing betreibt das Blatt aber auch nach wie vor das klassische Geschäft des Geschichtenerfindens wie zu Günter Wallraffs Zeiten, der schon 1979 eines seiner Bild- Enthüllungsbücher "den Opfern" gewidmet hatte. Immer noch unterhält Wallraff aus privaten Mitteln einen Rechtshilfefonds für Bild- Opfer. Vor wenigen Monaten erst hat sich wieder jemand hilfesuchend an ihn gewandt: Friedrich F., 53 Jahre alt. Der gebürtige Bayer lebt seit geraumer Zeit in Thailand, in einem kleinen Bungalow im Urlauberparadies Pattaya. Er habe eine "Kälte-Allergie", sagt er. Wenn er kalte Luft einatme, "fühle ich mich schlecht, dann wird mir im Magen unwohl, und ich bin im Kopf benommen". Deshalb sei er schon vor langer Zeit nach Thailand gezogen, wo es das ganze Jahr über warm ist. Dort hält sich F. mit Sprachen- und Gitarrenunterricht über Wasser, jeden Monat schickt ihm seine Mutter etwas Geld.

Vergangenen Sommer ist der Deutsche in seinem Bungalow von zwei Unbekannten überfallen und ausgeraubt worden. Das Opfer wurde dabei verprügelt, das Gesicht war voller Blutergüsse und Schwellungen. Als Friedrich F. zur Polizeistation kam, sei da "ein Haufen Reporter" gewesen. Keiner habe mit ihm gesprochen, sagt er, aber es seien Fotos von seinem zerschundenen Gesicht gemacht worden. Eines davon fand den Weg zur Bild- Zeitung. Und die kolportierte eine passende Geschichte dazu, Überschrift: Thai-Hure boxt deutschen Sex-Tourist k. o. Im Text heißt es, "Geschäftsmann Friedrich F." habe "ein Thai-Mädchen" engagiert und ihr "viel Geld für ein privates Pornovideo" versprochen. Nach dem Sex habe F. nicht zahlen wollen. Wie von Sinnen habe dann "die Hure" auf ihn eingeschlagen. "Vergeblich versuchten andere Prostituierte und die Bordellchefin dazwischenzugehen." In das Foto mit F.s malträtiertem Gesicht hat Bild noch vier spärlich bekleidete thailändische Prostituierte im Hintergrund montiert.

Die Mutter von Friedrich F. in Bayern hatte den Bericht als Erste entdeckt. Ihr fiel niemand anderes ein als Günter Wallraff, an den sie sich wenden konnte. Der vermittelte den Hamburger Anwalt Helmuth Jipp. Eine Unterlassungserklärung habe Bild schon abgegeben, sagt er, nun wolle er noch auf Widerruf klagen und ein Schmerzensgeld von 30.000 Euro für seinen Mandanten erstreiten. Das Landgericht Hamburg hat Friedrich F. dafür Prozesskostenhilfe bewilligt – was das Gericht nicht getan hätte, hielte es die Klage für aussichtslos. Die Version des Boulevardblatts dagegen: F. habe mit einer Thailänderin drei Pornofilme aufgenommen, sei danach das volle, verabredete Honorar schuldig geblieben. An jenem Abend habe die Frau versucht, die Filme von F. zu bekommen. Dabei sei es zwischen ihr, einem Freund und F. zu Gewalttätigkeiten gekommen. Zur Stützung dieser Version hat Bild inzwischen einen Journalisten für eine "Nachrecherche" nach Thailand geschickt; er soll belegen, dass sich alles so, wie beschrieben, oder zumindest so ähnlich zugetragen habe. Dabei behält Bild sich vor, die Kosten der Recherche bei F. mittels einer "Widerklage" einzutreiben. Opferanwalt Jipp weist darauf hin, dass die umstrittenen Filme von der örtlichen Polizei bislang nicht gefunden wurden, auch sei das gegen F. eingeleitete Verfahren mittlerweile eingestellt worden. "Die Filme gibt es nicht."

Geändert hat sich allem Anschein nach der Umgang der Öffentlichkeit mit den Methoden von Bild. Sie reagiert gelassener, man erwartet von diesem Blatt offenbar nichts anderes. Im Internet führen neuerdings vier Medienjournalisten nebenberuflich unter www.bildblog.de in ironischem Ton ein Tagebuch über "die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme" in der Bild- Zeitung. Es ist unterteilt in die Ressorts "Grob Fahrlässiges", "Merkwürdiges", "Moralisches", "Kommerzielles".