Kaum war Oskar Lafontaine aus der SPD ausgetreten, brach ein Streit darüber aus, was mit seinem Parteibuch geschehen soll. Privatsammler haben sich bei der SPD Saar gemeldet, sie möchten es kaufen. Dem Deutschen Historischen Museum in Berlin hingegen würde es als Leihgabe genügen, man möchte es liebend gern ausstellen. Das wünscht sich auch der Direktor im Bonner Haus der Geschichte, der Lafontaines Mitgliedsbuch zeithistorisch sehr interessant findet und bereits Helmut Kohls Strickjacke im Bestand hat (Joschka Fischers weiße Vereidigungsturnschuhe lagern derweil im Deutschen Ledermuseum Offenbach).

Der Spiegel meldete in der vergangenen Woche allerdings, die saarländische SPD habe die Absicht, Lafontaines Parteibuch zu vernichten. Da wurden wir völlig falsch verstanden, sagte der Sprecher der Landespartei der ZEIT. Man habe nicht vor, das Buch dem Altpapier zuzuführen, geschichtsblind sei die saarländische SPD schließlich nicht. Man habe sich allerdings entschlossen, es weder zu verkaufen noch auszuleihen. Auch, es selbst auszustellen halte man derzeit für keine gute Idee. So kommt das Parteibuch erst einmal in den Parteisafe.

Lafontaines Parteibuch ist 39 Jahre alt, eingefasst in einem blauen Plastikumschlag. Denn mit dem Godesberger Programm von 1959 reagierte die SPD auch farblich auf den Abschied vom kommunistischen Gedankengut. Das Rot der Arbeiterbewegung hatte ausgedient, fortan prägte Godesberger Blau Plakate, Broschüren und Mitgliedsausweise der Partei. Dann wechselte die Farbe über Orange stufenweise zum heutigen Rot, wie bereits 1907, als zum ersten Mal einheitlich rote Mitgliedsausweise eingeführt wurden. Das heutige Parteibuch hat einen samtenen Umschlag, auf der ersten Innenseite steht die Adresse, es folgen der Stempel der Parteiorganisation und die Unterschrift des Landesvorsitzenden - bei der Saar-SPD ist sie echt. Dann gibt es noch Felder für kleine Märkchen. Die wurden früher von SPD-Kassierern monatlich an die Genossen verteilt und dienten als Beleg für den Mitgliedsbeitrag. Erst dann war man auf Parteitagen stimmberechtigt. Das Grundsatzprogramm und eine Seite für einklebbare Sondermarken, die man für 10 bis 50 DM kaufen konnte und die das Antlitz des Parteivorsitzenden zeigten, runden das Heft ab.

In jedem SPD-Parteibuch steckt sozialdemokratisches Herzblut, sagt der 58 Jahre alte SPD-Bundestagsabgeordnete Friedhelm Julius Beucher und erinnert daran, dass zahlreiche SPD-Mitglieder ihr Parteibuch zusammen mit der Parteifahne versteckten oder vergruben, um es vor den Nazis zu schützen und sich vor Verfolgung zu bewahren. Noch heute zeichne sich ein guter Orsvereinsvorsitzender dadurch aus, dass er neuen Mitgliedern das Parteibuch nicht anonym zuschicke, sondern es ihm bei einem kleinen Umtrunk feierlich überreiche.

Und doch, die Patina vergangener Zeiten hat das Parteibuch verloren. Es liegt an den Märkchen. Noch in den Achtzigern klopften die Hauskassierer an die Tür eines jedes Genossen im Ortsverein, laut Beucher ein wirksames Mittel politischer Agitation und ein Ritus, der die Parteimitglieder zusammenschloss. Als das Geld der Genossen per Lastschrifteinzugsverfahren eingezogen wurde, wurde dieser Wandel stark bedauert. Zwar gibt es seitdem eine Ersatzmarke, die auf der jährlichen Jahresbescheinigung ausgeschnitten werden kann, um sie ins Buch zu kleben. Doch ist sie nur noch folkloristisches Beiwerk für hartgesottene Traditionalisten unter den Genossen. Selbst zu Parteitagen muss man das Buch nicht mehr mitbringen, um sich auszuweisen. Ich trage es nicht mehr mit mir herum, sagt Carsten Schneider, mit 29 Jahren zweitjüngstes SPD-Mitglied im Bundestag. Seit Oktober 2000 konkurriert das SPD-Parteibuch zudem mit der SPD-Card im Scheckkartenformat. Wer in die SPD eintritt, erhält die Plastikkarte zusammen mit einem Begrüßungsschreiben des Parteivorsitzenden und des Generalsekretärs. Und darf sogleich an Rabattaktionen der SPD-Tochterfirma Image teilnehmen, einen Federhalter von Montblanc aus der Willi-Brandt-Edition für 360 Euro erstehen, Kredite zu Sonderkonditionen von der SEB Bank beantragen oder mit Öger Tours übers Wochenende nach Istanbul reisen.

45 000 Mitglieder weniger verzeichnete die SPD im vorigen Jahr. Laut Satzung müssen bei Austritten die Parteibücher zurückgegeben werden. Die meisten landen im Müll. Manche tragen die Unterschrift von Oskar Lafontaine.