Der Brachiosaurus brancai ist schlicht und einfach zu groß geraten. Und das nicht nur für das Sauriermuseum in Aathal bei Zürich. Auf vier säulenartigen Beinen steht dort das riesenhafte Skelett, eingepfercht in den längsten Schauraum, den das Museum zu bieten hat. Die Rückenwirbel reichen bis knapp unters Dach. Der Hals reckt sich fast zehn Meter weit nach vorn, eingefädelt zwischen stählernen Gebäudeträgern und den Rahmen des Oberlichts.

Wer dem Knochenmonster in die leeren Augenhöhlen blicken möchte, muss auf die Empore steigen, wo der Paläontologe Martin Sander an einem Kaffeetischchen sitzt und grübelnd auf den Koloss starrt. "Wie konnten diese Sauropoden zehnmal größer werden als alle anderen Landlebewesen?", fragt er. "Der Gigantismus in dieser Gruppe der Dinosaurier ist es, der uns wirklich interessiert."

Er rückt seinen Stuhl etwas zur Seite. Von dort hat er freie Sicht auf das dekorative Grünzeug in zwanzig Meter Entfernung, zwischen dessen Stauden sich die Schwanzknochen des Brachiosaurus verlieren. "Diesen Größenwahn können wir nur verstehen, wenn es uns gelingt, die Physiologie der Sauropoden zu modellieren", sagt Sander. Welche Nahrung in Verbindung mit welcher Verdauungsstrategie lieferte ihnen die nötige Energie? Wie hat die Atmung funktioniert, um eine ausreichende Sauerstoffzufuhr zu gewährleisten? Welcher Knochenaufbau hat sie davor bewahrt, unter der eigenen Masse einzuknicken? "Leider haben wir keine Zeitmaschine, um in die Vergangenheit zu reisen. So ist die Beantwortung dieser Fragen mühsame Detektivarbeit."

Um diese aufzunehmen, hat der groß gewachsene Forscher aus Bonn ein bunt gemischtes Ermittlerteam um sich geschart. 2003 traf er beim Arbeitskreis Wirbeltierpaläontologie Marcus Clauss vom Institut für Veterinärmedizin der Universität Zürich. Der berichtete dort über seine Studien zur Verdauungsstrategie eines ausgestorbenen Riesennashorns, des Indricotheriums. "Ich habe ihn mir gleich geschnappt und gesagt, die Verdauung der Dinos sei doch viel interessanter."

Den Berliner Weltraummediziner Hanns-Christian Gunga holte er ins Boot, weil der sich unter anderem mit dem Einfluss der physikalischen Randbedingungen wie der Schwerkraft auf einen Organismus beschäftigt. Den Physiker Andreas Christian von der Universität Flensburg engagierte Sander, da dieser Berechnungen zur Ausdauerleistung der Giganten anstellen konnte. Weiter stießen Zoologen, Physiologen, Materialwissenschaftler, Chemiker und natürlich Paläontologen hinzu – insgesamt rund 30 Forscher. Diese Truppe will nun, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für zunächst drei Jahre mit 1,4 Millionen Euro gefördert, die Evolution des Gigantismus aus allen Blickwinkeln studieren. Im Sauriermuseum Aathal hat sich das Team zu einem Arbeitstreffen eingefunden – und präsentiert die ersten spannenden Thesen.

Der Größenwahn hat sich innerhalb kürzester Zeit entwickelt

Ausgangspunkt für das Rätsel des Gigantismus ist eine Studie aus dem Jahr 2001. Ein Team um den US-Physiologen Jared Diamond von der University of California in Los Angeles hat die maximale Körpergröße eines Lebewesens in Abhängigkeit des von ihm bewohnten Territoriums untersucht. Eine Landfläche gegebener Größe kann nur eine gewisse Anzahl von Tieren ernähren, lautet Diamonds Argument in aller Kürze. Je größer die Individuen einer Tiergruppe werden, desto weniger können auf dem Territorium leben. Ab einer gewissen Körpermasse wird die Anzahl der Tiere zu klein: Die Population bricht zusammen, die Art stirbt aus, sobald eine geringe Störung – etwa ein trockenes Jahr – zu einem knappen Nahrungsangebot führt.

"Für die Erde bedeutet das: Es kann keine Landlebewesen geben, die schwerer sind als rund zehn Tonnen", sagt Sander. Im Klartext: Die Sauropoden hätte es nie geben dürfen. Sie haben sich einen Dreck um die Logik der Physiologen geschert und die 10-Tonnen-Schallmauer mit Körpermassen von 50 bis 100 Tonnen um bis zu einem Faktor zehn durchbrochen. Oder, wie Sander das Problem zu Beginn der Tagung vor den versammelten Tagungsteilnehmern formuliert: "Warum gibt es heute keine 50 Tonnen schweren Elefanten?"