Auf die Idee, dass die rot-grüne Bundesregierung ohne umfassendes außenpolitisches Konzept operiert, konnte man schon kommen. Dafür brauchte man weder der Opposition anzugehören noch der kleinen Schar von Experten für Fragen der Weltpolitik. Von Afghanistan bis Darfur, vom Bündnis mit Chirac bis zur "Partnerschaft mit Russland", von den Waffenexporten für China bis zur Suche nach einem besseren Platz in den UN – das Zufällige ist sichtbar selbst da, wo man ein Muster zu erkennen meint. War es schon vor der Entzauberung des Außenministers in der innenpolitischen Schlammschlacht.

Nun, kurz vor dem absehbaren Ende des rot-grünen Experiments, hat der emeritierte Bonner Politikwissenschaftler und Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz solche und andere Beobachtungen zusammengefasst zu einer Art Bilanz – oder: Schadensbilanz – der deutschen Außenpolitik unter der Regierung Schröder/Fischer. Grimmig und höhnend in der Kritik über deren performance auf der internationalen Bühne, aber auch fundiert und teilweise brillant in der Skizzierung möglicher Konturen eines aus seiner Sicht fehlenden, in sich schlüssigen außenpolitischen Konzepts.

Dem Buch gab Schwarz den Untertitel Anmerkungen zur deutschen Außenpolitik. Das ist reine Koketterie. Denn dahinter verbirgt sich das ehrgeizige Unterfangen des Autors, das zumindest in Umrissen zu beschreiben, was für ihn deutsche Staatsräson für das 21. Jahrhundert wäre – vom Patriotismus bis zu neuem Selbstbewusstsein.

Die Weltmacht Amerika sollte nicht allzu sehr gereizt werden

Vor 20 Jahren hatte Schwarz, der einem größeren Publikum durch seine Adenauer-Biografie bekannt wurde, eine Art Vorläufer zu dem neuen Buch verfasst: Die gezähmten Deutschen. Dessen einprägsamer – und später anderweitig verwendeter – Untertitel Von der Machtbesessenheit zur Machtvergessenheit war zugleich die Botschaft des Buchs: die Friedensabhängigkeit und die Machtscheu der Bonn-Deutschen als Grundproblem für Deutschlands Rolle in der Welt.

Gemessen an der zornigen Schärfe des damaligen Textes, wirkt Republik ohne Kompass, obwohl auch nicht ungewürzt, gelegentlich geradezu moderat. Das Leiden des Polemikers an der "Verschweizerung" der Deutschen hat nachgelassen. Nun haben sich die Deutschen allerdings inzwischen auf einige Unschweizerische Unternehmungen eingelassen, auf dem Hindukusch und dem Balkan, was gar nicht die ungeteilte Zustimmung des Autors findet. Seine Einwände sind weniger grundsätzlicher Natur. Was ihm missfällt, ist vor allem das Zufällige, das Kontextlose, das zu oft Unüberlegte. Auf dem Balkan intervenieren und damit einen Beitrag zum Aufbau einer Zivilgesellschaft leisten – wer das glauben machen wolle, "der bewegt sich am Rande der Lächerlichkeit".

In diesem Sinne hat auch das neue Buch den Charakter einer Streitschrift. Es ist zunächst eine grimmige Abrechnung mit dem, was Schwarz die rot-grüne Orientierungslosigkeit in Fragen der Weltpolitik nennt. Da passt ihm die ganze Richtung nicht, oder besser: das Fehlen einer klaren Richtung. Seine Unzufriedenheit äußert er unterschiedlich. Mal nörgelt er scheinbar ziellos herum, verliebt in seine Sprachbilder und besserwisserisch-griesgrämig gegenüber möglichem Widerspruch: "An vielen Bahnhöfen, wo deutsche Interessen verladen werden, sind die Züge nach Europa längst abgefahren. Wer das nicht wahrnehmen möchte, ist kein Realist, sondern ein atavistischer Illusionist." Dann spottet er über akademische Kollegen, die den Rot-Grünen, voran Joschka Fischer, vor kurzem noch ob des neuen Berliner Selbstbewusstseins gehuldigt haben: "Nur die PR-Abteilung der Bundesregierung und wem es sonst am geschärften Blick für unbeabsichtigte Grotesken auf dem Feld der Außenpolitik mangelte, mochte die Auftritte in der UN als Demonstration neu entdeckten deutschen Selbstbewusstseins feiern."

Dabei fällt Schwarz allerdings gelegentlich seinem Hang, einen seriösen Gegenstand wie die Außenpolitik möglichst locker und gefällig zu präsentieren, zum Opfer und geht merklich unter sein Niveau als Wissenschaftler. So rutscht er beispielsweise ab in unhistorisches Geplauder und redet, wie lässig, vom "1933 in die Hände von Desperados gefallenen" Deutschen Reich und vom "unbekömmlichen Größenwahn der Jahre vor 1945" (wobei er beiläufig offen lässt, ob er nur die Desperados oder auch deren Vorläufer unter den wilhelminischen "Eliten" meint, eine soziale Kategorie, die bei ihm, dem Analytiker von Macht und Mächtigen, eine wichtige Rolle spielt). Und natürlich geht ihm das "korrekte" Deutschland insgesamt auf die Nerven.