Der Septemberabend 1998, als Rot-Grün gewann, war wirklich großartig. Wir mussten zum Feiern gekühlten Rotkäppchen-Sekt von der Tankstelle holen. Nach jahrelanger Kohl-Suppen-Tristesse waren wir eben nicht vorbereitet und hatten nichts im Haus.

Der Spitzenmoment dieses Abends war für uns der gemeinsame Fernsehauftritt von Jürgen Trittin und Oskar Lafontaine: selbstbewusst, voller Pläne, angriffslustig, einig. Die Botschaft war: Wir werden mit der Ära Kohl und den konservativen Machtstrukturen gründlich aufräumen. Die Zeit war lange schon reif dafür.

Nach Treuhand-Kahlschlag zwischen Rügen und Erzgebirge (mit dem Tiefpunkt Bischofferode) sowie Rückübertragungsexzessen wie in Kleinmachnow bedeutete dieser Abend für Ostdeutsche wie uns endlich Momente tiefer Genugtuung und neuer Zuversicht. Wenig später begannen die schweren Auseinandersetzungen innerhalb der SPD und der Koalition.

Oskar Lafontaine scheiterte. Seither läuft Schröders Politik darauf hinaus, den ungleich verteilten Reichtum in diesem Land nicht anzutasten und einer bedrohlich rasch abnehmenden Zahl abhängig Beschäftigter die steigenden Lasten der Sozialsysteme mehr und mehr allein aufzuerlegen. Das ist die Agenda 2010.

Weil das so ist, hat es die wirkliche Umsetzung des rot-grünen Projektes, des rotgrünen Wahlprogrammes von 1998 nie gegeben. Die SPD und Schröder beziehen deshalb seit Jahren Prügel von zwei Seiten und sind nun am Ende mit ihrem Latein. Unsozial und neoliberal in den Augen der eigenen Stammwählerschaft, immer noch nicht wirtschaftsfreundlich und neoliberal genug in den Augen der Konservativen.

Traurig, dass die Schwarz-Gelben nun völlig unverdient die Nutznießer dieses dramatischen Niedergangs sein werden. Ihr Auftreten in diesen sieben Jahren, von überzogener Schwarzmalerei und Blockade bis hin zur albernen Spaßgesellschaft, war wahrlich nicht überzeugend.

BERND-R. PAULKE, POTSDAM