Na gut, Geschenke haben wir nicht mehr zu erwarten. Wird die Nüchternheit des Kassensturzes das Band sein, das die Politik einer Regierung Merkel zusammenhält? Steht uns der Abschied von Visionen und Utopien bevor, von jenen moralisch aufgeladenen Gesellschaftsentwürfen, mit deren Realisierung sich auch SPD und Grüne in den vergangenen zwei Jahren immer schwerer getan haben? Die Union hatte sich auf eine längere Oppositionszeit eingestellt - nun muss sie Antworten geben.

Die Bundesrepublik erwartet etwas Ungewöhnliches, nämlich eine Abkehr von dem Muster langer Zyklen, bei dem einer Regierung stets etwa anderthalb Dekaden zur Verfügung standen, bevor das Pendel wieder zur anderen Seite ausschlug.

Nun muss nicht jeder Regierungswechsel als Zeitenwende überhöht werden.

Dennoch lohnt die Frage, welcher Konservatismus uns erwartet bei einem Wahlsieg der Union im September, an dem es im Moment kaum Zweifel gibt.

Jeder in der Union weiß, dass es eine Reprise des Regierungswechsels von 1982 nicht geben kann. Damals kamen noch klassische konservative Bedürfnisse zur Geltung wie der Wunsch, abzubremsen, zu stabilisieren, sich nicht dauernd auf etwas Neues einlassen zu müssen. Konservative Intellektuelle wie Hermann Lübbe und Odo Marquard sagten, auf eine einfache Formel gebracht: Um uns herum ist zu viel Veränderung, zu viel Moderne, wir dürfen deshalb nicht noch zusätzlich Gas geben. Diese Ausrichtung des Konservativen ist tot. Jetzt geht es darum, Mobilität, Markt und Risiko wiederzugewinnen.

Ein zweites Motiv war 1982 wichtig. Man könnte es die Bekräftigung von Grundentscheidungen nennen. Anderthalb Jahrzehnte sozialer Bewegungen - vom Studentenprotest bis zur Ökologie- und Friedensbewegung - hatten Zweifel genährt: Konnte eine jüngere Generation noch anders als mit ironisch hochgezogenen Augenbrauen über die Verteidigung der freiheitlichen Demokratie sprechen? Was war die Bindung an den Westen, an Amerika noch wert? Da hat Kohl manches zurechtgerückt, nach innen wie nach außen. Die kollektive Paranoia, vom Bonner Staat verfolgt zu werden und einem Untergang in Atomkrieg und Waldsterben zugleich unmittelbar entgegenzugehen, flaute ab.

Heute stünde eine ähnliche Bekräftigung von Grundentscheidungen wiederum auf der Tagesordnung einer unionsgeführten Regierung, nach außen, im Blick auf das transatlantische Verhältnis, und mehr noch nach innen, als Bekräftigung der Entscheidung für Kapitalismus und Marktgesellschaft. Die Paranoia trägt jetzt den Namen Neoliberalismus. Verschwörungstheorien wie die von Hartz IV als absichtlich betriebener Massenverarmung stehen hoch im Kurs. Es wäre eine konservative Aufgabe, hier die Maßstäbe zurechtzurücken und das L-Wort als Grundlage unserer politischen Kultur, von Grün bis Schwarz, zu erhalten.