Wenn über den Hügeln von Buda die Sonne untergeht, gilt auf der Margareteninsel rechts laufen, links überholen. Es geht zu wie auf der Autobahn, es wird scharf aufgelaufen, ruckartig überholt, gerade noch einem Geisterläufer ausgewichen. Zu Hunderten joggen die Budapester nach Arbeitsschluss um die Insel in der Donau. Lothar Matthäus hält sich immer brav rechts.

Im Gesicht trägt er den konzentriert abwesenden Blick von Fußballern, die bloß nicht daran denken wollen, dass sie gerade laufen. "Ich war nie ein Ausdauerläufer, damals bei Bayern München bin ich im Wald immer drei Minuten hinterhergelaufen, ich habe einen kurzen Schritt, ich bin mehr der Sprintertyp, bei Rapid Wien war ich schon Trainer, 40 – aber immer noch der Siebtschnellste im Team!" Seine Fähigkeit, ohne Punkt reden zu können, verliert er auch im Laufschritt nicht.

Das Palatinus-Schwimmbad kommt in Sicht, bald ist die Runde geschafft, 5,5 Kilometer, eine Runde reicht wirklich, findet Matthäus. Es geht doch nur noch darum, fit zu bleiben. Er zeigt zu den grünen Hügeln Budas hinauf. "Dort oben wohne ich, in dem roten Haus, 150 Quadratmeter Dachterrasse", und da scheint es nur angebracht, laut darüber nachzudenken, dass es wohl seine angenehmen Seiten hat, ungarischer Nationaltrainer zu sein: Nur alle paar Wochen ein Spiel, nicht den täglichen Stress eines Vereinstrainers. Es ist offensichtlich der falsche Gedanke. "Den Stress will ich doch, ich bin jemand, der es tagtäglich rauslassen muss, seine Energie, seine Ideen, ich würde am liebsten jeden Tag raus auf den Platz, die Spieler verbessern, davon lebt doch ein Trainer, wenn er sieht, wie sie besser werden." Weil er beim Joggen ist, muss er doch kurz Luft holen, ehe er den Satz beendet: "Eigentlich bin ich im ungarischen Fußball unterfordert."

Er schafft es, sich im nächsten Moment schon wieder davon zu überzeugen, dass er doch einen besonderen Posten hat. "Der Gedanke geht schon ans Herz: Du arbeitest für ein ganzes Volk." Aber die Frage kommt verlässlich zurück: Was macht er hier? Lothar Matthäus, Kapitän der Weltmeister von 1990, einer der fünf größten Fußballer, die Deutschland hervorbrachte, hat mit 44 seine Lehrzeit als Trainer hinter sich. Er ist ein scharfer Analytiker eines Fußballspiels, er macht ein gutes Training. Und die Angebote aus der Bundesliga oder anderen großen Ligen lassen auf sich warten.

Matthäus, darauf laufen alle Gespräche mit Machern im deutschen Fußball hinaus, sei sein eigener Feind. Zu egozentrisch. Kann den Mund nicht halten. Garantiert Ärger. Doch liegt es wirklich nur an ihm? Während sie in anderen Ländern generös über die Makel ihrer Fußballstars hinwegsehen, in England David Beckham trotz seiner Selbstverliebtheit lieben, in Spanien Raúl vergöttern, obwohl er permanent schlechte Laune ausstrahlt, wurde in Deutschland ein Sport daraus, über Matthäus zu lächeln oder zu lästern. Weil wir Deutsche in Matthäus all das wiedererkennen, was wir an uns selbst hassen?

Sobald seine Heimkehr auch nur als vage Möglichkeit auftaucht, regt sich Widerstand. "Wenn er Bundestrainer wird, melde ich unsere Elf in der holländischen Liga an", sagte Schalkes Manager Rudi Assauer, als Matthäus vergangenen Sommer mit dem Amt liebäugelte. Dass es dann Jürgen Klinsmann bekam, hatte seine Ironie. Ihre gesamte Karriere hindurch verbindet sie eine Rivalität, wie es sie sonst nur bei Einzelsportlern gibt, Muhammad Ali gegen George Foreman, Sebastian Coe gegen Steve Ovett. Matthäus und Klinsmann schafften es, als Spieler zusammen erfolgreich zu sein und trotzdem wie Gegner dazustehen. "Wir sind unterschiedlich, der Jürgen ist diplomatischer, er ist sehr klug, einer, der für seine Ziele alles aus dem Weg räumt, und so hat er dann auch öfters mal mich gekillt, zum Beispiel ein Ding gedreht, dass mir bei Bayern die Kapitänsbinde weggenommen wurde, wobei der Respekt für den anderen immer riesig war, aber wie gesagt, wir sind anders. Ich bin naiv."

Auf ihre unterschiedliche Art sind Matthäus und Klinsmann gleich. Sie sind sehr deutsche Stars. Ihre Ziele erreichten sie mit Hartnäckigkeit, Besessenheit, Verbissenheit. Leichtigkeit haben sie nie besessen. Klinsmann kann das verbergen, mit seinem Sonnyboy-Lächeln, seinem Talent für Fremdsprachen, seinem Leben in Los Angeles. Matthäus kann man es immer ansehen: den brennenden Ehrgeiz, die Sehnsucht, weltgewandt zu wirken; den Wunsch, nach jedem Streit trotzdem geliebt zu werden.

Am nächsten Tag trifft er seine Vertrauten, Janos Hrutka, den Teammanager, sowie Peter Pellady, den Vermarkter der Nationalelf, beim großen Budapester Derby Ferencváros gegen Újpest. Matthäus will einige seiner Nationalspieler beobachten. Er ist zu Scherzen aufgelegt, auch über sich selbst. Daher erklärt er die Aufgabenverteilung so: "Ich bin Jürgen Klinsmann, Janos ist Oliver Bierhoff und Peter der Einzige, der hier Geld verdient." Sie sind leicht zu erkennen. Sie sind die Einzigen, die auf der Ehrentribüne wie Ehrengäste aussehen. Um sie herum kauen schwitzende Männer Unmengen von Sonnenblumenkernen, spucken die Hülsen aus, schreien wild und spucken weiter.