Eigentlich hat ein Provinzstädtchen wie Dessau keine Chance. Was kann es schon bieten im Vergleich etwa zum nahen Berlin? Gewiss, das Bauhaus, diese Ikone moderner Architektur, lockt die Touristen. Doch nur wenige bleiben über Nacht. Und so muss Dessau weiter davon träumen, eine Stadt des Wissens, der Kultur zu sein. Oder aber nicht?

Vor kurzem erst wurde dort das neue Umweltbundesamt eröffnet, und das Erstaunliche ist: Der ungemein beschwingte, heitere Bau mit seiner farbenfrohen Fassade, der das Erbe des "weißen" Bauhauses, das auch farbiger war als lange angenommen, selbstbewusst aufnimmt und neu interpretiert, erlaubt Dessau erstmals wieder eine gebaute Ahnung von Zukunft. Ja, es kann einem sogar so vorkommen, als werde die Provinz wieder zum Vorreiter für eine Modernität, die es in den konservativen Metropolen, man denke an New York und natürlich an das nahe Berlin, sehr schwer hat.

Bereits in den zwanziger Jahren waren es vor allem Kleinstädte wie Jena, Altona, Weimar oder gar Celle, in denen das Neue Bauen aufgeschlossene Bauherren und Politiker fand. So arbeitete einer der Gründungsväter der modernen Architektur, der Berliner Architekt Walter Gropius, in Dessau und Weimar. Und ähnlich ergeht es nun dem in Berlin sitzenden Architektenbüro von Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch. Ihre farbige Glasarchitektur mit leichter Popattitüde und mit intelligenten Energiesparkonzepten hat mittlerweile international einen Namen. Nur in Berlin sind sie politisch weitgehend unerwünscht, und so entstand nun also in Dessau eine leichte und lustvolle Moderne, die eigentlich in die Metropole gehörte.

Noch verdrehter wird die Lage dadurch, dass der Bauherr selbst aus dieser Metropole stammt: Es ist die Bundesregierung, genauer das Bundesumweltministerium. Die Behörde mit 1300 Mitarbeitern residierte seit 1974 in Berlin, 1992 hatte die Föderalismuskommission eine Verwaltungsrotation empfohlen, 1996 wurde Dessau zum Amtssitz bestimmt. Nun müssen 750 Mitarbeiter dorthin umziehen, heraus aus dem beschaulichen Quartier im Grunewald, hinein in die Dessauer Industriebrache hinter dem Bahndamm.

Doch ist es den Architekten gelungen, dem heruntergekommenen Areal erstaunliche Reize abzugewinnen. Am Eingang des Grundstücks steht der renovierte gotisierende Bahnhof der Wörlitzer Eisenbahn, von hier gingen seit 1894 die Züge in den Landschaftspark von Wörlitz, 14 Kilometer östlich der Stadt. Auf der aufgelassenen Bahntrasse entwickelt sich nun nach den Plänen der Architekten ein großzügiger Landschaftsgarten, ein öffentlicher Park, der das neue Gebäude umspielt. Man könnte sagen: Sauerbruch und Hutton verwandeln den Industriestandort zurück in eine Landschaftsstadt.

In dieser steht der gewaltige Verwaltungskomplex mit seinen 800 Büros nicht etwa, wie in Berlin üblich, als hermetischer Kubus. Vielmehr entwickelt sich der lediglich viergeschossige Baukörper mit 450 Meter Fassade wie eine sich windende Schlange, die den Park geradezu in sich einzusaugen scheint, hinein ins lichte gebäudehohe Foyer, einen sehr schönen und öffentlich zugänglichen Raum. Auch dies wirkt auf eindrückliche Weise programmatisch: Was außen als fließender Naturraum die Öffentlichkeit anlockt und ermöglicht, wird im Inneren als städtischer Raum, als Straße, Platz, Treppe, Brücke fortgeführt. Das Haus als Stadt, die Stadt als Landschaft – hier scheint das Erbe der Architektengruppe Team Ten auf, die in den sechziger Jahren nach einer mit der Landschaft versöhnten dichten Urbanität suchte. Ja, sogar noch tiefer in der Geschichte lässt sich das neue Umweltbundesamt verorten, denn mehr noch als die Bauhaus-Tradition belebt es einen anderen Strang der Dessauer Geschichte: den der englischen Landschaftsideale.

Die unverkrampfte Idee von Öffentlichkeit, die hier in Dessau zur repräsentativen Form von Staat geworden ist, lässt sich zurückverfolgen bis ins 18. Jahrhundert, als das politisch machtlose Fürstentum die englische Aufklärung nach Deutschland vermittelte. Anders als Preußen war Anhalt-Dessau ein wahrhaft aufgeklärter, ein "benevolenter" Absolutismus. Er ermöglichte das Wörlitzer Gartenreich, den ersten englischen Landschaftsgarten in Deutschland, ebenso wie eine liberale Bildungspolitik oder eine Innenpolitik ohne Zensur. Natur war dieser Aufklärung eine Kategorie der Freiheit.

Von diesen Idealen sind beide Architekten des Umweltbundesamts durchaus geprägt. Sie haben gemeinsam in London an der Architectural Association studiert, Sauerbruch bei dem Poparchitekten Peter Cook, Hutton bei Alison und Peter Smithson, den Protagonisten der Architektengruppe Team Ten. Deren Idee einer Collage City war eine genuin englische Gartenstadt-Adaption, und in gewisser Weise scheint diese Idee nun in Dessau zurückzukehren. Denn eine Collage ist der neue Bau tatsächlich: Er lässt sich nicht ein auf den vermeintlichen Antagonismus von Glas- und von Steinarchitektur, so wie er in Berlin lange diskutiert wurde; er spielt vielmehr mit dem Ideal einer bunten Vielfalt. So wird etwa der Innenhof, Forum genannt, großzügig von einer gefalteten Stahl-Glas-Front gefasst, durch die sich ein "Stein" hindurchschiebt, die organische Betonform des Hörsaals. Und die verklinkerten Seitenwände der öffentlichen Umweltbibliothek oder die verglaste Cafeteria mit ihren leichten Stahlstützen verstärken den Eindruck der Collage – einer Architektur als Landschaft.