Der "Baum mitten in der Welt" ist nicht besonders hoch. Er steht auf dem Gustermairberg südlich des oberösterreichischen Benediktinerstifts Kremsmünster, eine Linde mit kugelig gewachsener Krone, Nachfolgerin eines uralten Stamms, in den mehrfach der Blitz gefahren war. "Mitte der Welt" – das ist schon ein bisschen frech, aber es leuchtet auch ein: Der Blick geht von dieser geringfügigen Anhöhe so maßlos in die Weite, dass man die Erdkrümmung mitzusehen meint.

Einer der großen Horizonte, der Landschaftstotalen, wie Adalbert Stifter sie mit Worten gemalt hat. Ausgebreitet vor uns das Land "ob der Enns", sein heimatliches Oberösterreich, wie auf einer Reliefkarte, nicht prospektbunt freilich, sondern aquarellzart koloriert. "Gegen Mittag" die zackige Kette der östlichen Kalkalpen: Eisenwurzen, Sengsengebirge, Totes Gebirge. Im Mittelgrund das wellige bäuerliche Kulturland, gesprenkelt mit Obstgärten, Kirchtürmen, Vierkanthöfen, das Stifter in Nachsommer zum irdischen Paradies stilisiert hat. "Gegen Mitternacht", also nordwärts, sind das mächtige Barockkloster Kremsmünster, Stifters Schulort, zu ahnen, das Band der Donau mit der Hauptstadt Linz, das Hügelland des Mühlkreises und schließlich die fernen, dunklen "Waldwogen" des Böhmerwaldes, Stifters Wurzelgrund.

Der "Baum mitten in der Welt" heißt so, weil sein Standort 1823 zu einem Koordinatenursprung der österreichischen Katastervermessung wurde. Und Adalbert Stifter diente er als Modell für den solitären Kirschbaum in Nachsommer, von dessen Rundbank die edelmütigen Bewohner des Rosenhauses ihre gedeihlichen Latifundien zu überblicken pflegen. Nachsommer, ein dickleibiger Roman von "schwieriger Schönheit", wie der ganze Stifter, dessen 200. Geburtstag heuer begangen wird: Oberösterreich feiert einen der vielschichtigsten Erzähler des 19. Jahrhunderts, den Idylliker und tiefen Pessimisten, Naturverherrlicher wie Apokalyptiker, Menschenfreund und großen Einsamen – ein lange Zeit als biedersinniger Blumen-und-Käfer-Langweiler missverstandener Autor, den viele als Vorläufer der literarischen Moderne ansehen.

Dass auf dem Gustermairberg auch ein deftiges Wirtshaus steht, würde Stifter getaugt haben. Er war ein unbeschreiblicher Vielfraß. Auf manchen seiner späteren Fotografien sieht er aus wie ein Bierfass im Biedermeierfrack – kein Wunder bei sechs Mahlzeiten am Tag samt Gabelfrühstück und Jause, bei sechshundert Litern Wein pro Jahr. Dass der Dichter des gepredigten Maßes selber hochpathologische Ess- und Trinksitten pflegte, gehört zu den Abgründigkeiten, die ihn so spannungsreich machen. In den vielen klug und einfallsreich konzipierten Ausstellungen und Veranstaltungen des Stifterjahres werden die sinistren und grotesken Aspekte von Werk und Biografie dieses Zerrissenen keineswegs unterschlagen.

In seiner Kremsmünsterer Gymnasialzeit, 1818 bis 1826, war der Stifter-Bertl noch ein schmales Hemd, ungelenk, pockennarbig, fremdelnd – ein Leineweberssohn aus Oberplan, einem Kaff der böhmischen Provinzen, der seine soziale Unbeholfenheit am Benediktiner-Internat mit eisernem Leistungsethos kompensierte. Die Klosteranlage auf ihrem lang gezogenen Bergsporn erinnert an einen vielfenstrigen Ozeandampfer auf einem Wogenkamm. Als Hinterwäldlerkind an dieser Schule zugelassen zu werden muss damals wie ein Ruf nach Harvard gewesen sein. Seine "glücklichsten Jahre" habe er in Kremsmünster verbracht, schrieb Stifter später. Wenn man die Schüler anno 2005 in den ehrwürdigen Prandtauer-Arkaden bei Kaffee und Torten ihre Matura feiern sieht, wenn man den Weg nimmt zur Sternwarte aus dem Jahr 1750, dem weltweit ersten Barock-Hochhaus mit seiner originellen naturwissenschaftlich-technischen Sammlung, kann man durchaus neidisch werden auf einen solchen Bildungsort.

Pater Klaudius Wintz, Kurator der Kunstschätze, hat für das Stifterjahr eine lebendige Ausstellung über die Schulzeit von Adalbertus Bohemus Oberplanensis konzipiert. Und zwischen den antiken Glasvitrinen der Sternwarte ist mit Händen zu greifen, woher des späteren Naturbeschreibers Vorliebe für Fernrohre stammte, sein Interesse an meteorologischen Erscheinungen, seine Kundigkeit in Gesteinsformationen, Botanik und Zoologie.

Wir sind "von Mittag", von Süden her, gekommen, sind durch den blühenden Park des biedermeierlich-pastellbunten Kurorts Bad Hall geschlendert, wo sich der Dichter 1829 noch hoffnungsvoll mit seiner ersten keuschen Liebe, der Bürgerstochter Fanny Greipl, erging. Die hat er dann selbstverschuldet eingebüßt, aus endlosem Zaudern und Zagen – und wegen seiner Lebensweise. Aus dem böhmischen Klassenprimus von Kremsmünster war nämlich ein frei schwebender Wiener Bohemien geworden: malend, Nächte durch palavernd, Prüfungen schwänzend, mehrmals wegen Mietsäumnissen gepfändet.